Identitätsfabrik reloaded?

Wie verändert sich die Rolle des Museums im 21. Jahrhundert? Was folgt der reinen Wissensvermittlung? Darüber diskutierte der Museumsbetrieb im Mai in Karlsruhe. Das Referat Volkskunde des Badischen Landesmuseums sowie der Fachbereich für Museologie und materielle Kultur der Universität Würzburg luden dazu vom 22. bis 24. Mai 2014 ins Karlsruher Schloss ein. Während der 21. Fachtagung der DGV-Kommission „Sachkulturforschung und Museum“ tauschte man sich intensiv über das Selbstverständnis heutiger musealer Institutionen aus. Hierfür kamen Fachleute aus Wissenschaft und musealer Praxis zusammen. Da ein Austausch mit Kolleginnen und Kollegen immer inspirierend ist, machte ich mich also auch auf den Weg nach Karlsruhe.

Das Karlsruher Schloss ohne Bauzäune Quelle: wikipedia

Das Karlsruher Schloss ohne Bauzäune
Quelle: wikipedia

Partizipation als Allheilmittel?

Die Tagung war in mehrere thematische Sektionen gegliedert, die sich mit den Schlagwörtern Identität, Europa, Partizipation, Heimat, Emotion und Pluralität benennen lassen. Es wurde erörtert, wie sich das Museum als Institution im öffentlichen Raum und vor allem im Bezug zu seinen Besucherinnen und Besuchern sieht. Während der Fokus der fachinternen Diskussionen in den 1980er Jahren noch darauf lag, dass das Museum besonders eine kulturstiftende bzw. identitätsstiftende gesellschaftliche Einrichtung sei, wird dieser rein output-orientierte Charakter inzwischen in Frage gestellt. Das Stichwort ist hierbei Partizipation: Die Besucherinnen und Besucher werden nicht mehr nur als reine Wissensrezipientinnen und -rezipienten gesehen, sondern als Kultur aktiv Mitgestaltende. Das Museum fungiert mehr und mehr als öffentlicher Handlungsraum der Besucherinnen und Besucher, die (in partizipativen Projekten) z. B. direkt Ausstellungen mitgestalten können. Dies bedingt wiederum eine Öffnung der Museen nach außen. Mit welchen Herausforderungen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hierbei rechnen müssen, reißt auch der Untertitel der Tagung an: Museen als Resonanzräume kultureller Vielfalt und pluraler Lebensstile.

Auf welche Resonanz man in der musealen Praxis stößt, diskutierte u. a. Schoole Mostafawy, Leiterin des Referats Außereuropäische Kunst- und Kulturgeschichte des Badischen Landesmuseums. Die 2013 eröffnete Sammlungsausstellung des Badischen Landesmuseums „WeltKultur / GlobalCulture“ zeigt den gegenseitigen und sich in der Geschichte immer wiederholenden Einfluss von Kulturen auf die eigenen materiellen Zeugnisse auf. Wie der Blick von außen auch das Eigene verändert bzw. die Sicht auf das Eigene in Frage stellt, wird mit dem gestalterischen Mittel des Vergleichs und der Gegenüberstellung eindrucksvoll gezeigt. Im ersten Ausstellungsraum wird anhand unterschiedlichster Exponate z. B. die Sichtweise des Orients auf den Okzident und umgekehrt dargestellt. Hierbei werden bewusst auch stereotype Bilder und Meinungen zugelassen. Die Kuratorin berichtete, wie die Besucherinnen und Besucher auf die teilweise überraschenden Inszenierungen reagieren und über vorher nicht vorstellbare kulturelle Einflüsse staunen. Die Ausstellung bekommt wahrscheinlich auch deshalb so eine positive Resonanz, da sie durch die breit angelegte inhaltliche Ausrichtung, die sich sicherlich auch aus den umfangreichen Beständen des Hauses ergab, eine heterogene Besuchergruppe anspricht.

Mit welchen unterschiedlichen Gruppen und Meinungen sich Museen heute konfrontiert sehen, wurde im Panel der Stadtmuseen diskutiert. Nina Gorgus und Dorothee Linnemann gewährten Einblick in die Neukonzeption des historischen museum frankfurts. Hier wird schon in der Phase der Ausstellungskonzeption das zukünftige Publikum, oder eher die zukünftigen Publika, miteinbezogen. Das geschieht z. B. durch Diskussionsabende mit Anhängern der Occupy Frankfurt Bewegung, in denen gemeinsam entschieden wird, wie diese Bewegung im neuen Museum „ausgestellt“ wird, oder durch das partizipative Ausstellungsformat Stadtlabor unterwegs, welches diesen Sommer mit dem Projekt park in progress bereits in die vierte Runde geht. Mithilfe einer Wanderkarte können Besucherinnen und Besucher an verschiedenen Stationen rund um die Wallanlagen Frankfurts persönliche Einblicke von Frankfurterinnen und Frankfurtern über die Bedeutung eben dieser Wallanlage erfahren. Diese Beiträge wurden in einem partizipativen Projekt zwischen Museum und Teilnehmenden erstellt und versprechen einen spannenden Rundgang mit unterschiedlichen Perspektiven auf die Wallanlage.

Neben vielen weiteren interessanten Vorträgen hat die Tagung auch gezeigt, dass museale Praxis und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und Theorien aufgrund von Zeit- und Ressourcenknappheit nicht immer übereinstimmen. Gerade ein Landesmuseum ist ein Projekt von vielen, Konzept und Realität gehen dabei oft auseinander, sei es aus politischen, finanziellen oder rein praktischen Gründen.

Für mich als wissenschaftliche Volontärin bietet mein im Studium erlerntes theoretisches Wissen um Gesellschafts- und Kulturtheorien eine gute Basis für die tägliche Arbeit in der Sammlung, auch wenn es nur indirekt Eingang in die neue Dauerausstellung finden wird. Ob das Museum nun eher Labor als Fabrik ist, bleibt zu diskutieren. Mit dem neuen Ausstellungskonzept des Hessischen Landesmuseums in Kassel können wir einen weiteren Beitrag zu dieser aktuellen Debatte liefern und sind gespannt auf die Reaktionen, die uns erreichen werden.

Autorin: Almuth Kölsch