Geschichten erzählen: Die Wandervögel und der Erste Weltkrieg

Als Hessisches Landesmuseum in Kassel haben wir auch den Auftrag, hessische Landesgeschichte zu präsentieren. Das Spektrum reicht von den ersten Bauern in Nordhessen, über die Zeit Landgraf Karls in Kassel bis hin zur Nachkriegszeit. Doch neben der großen Ereignisgeschichte und den Mächtigen der vergangenen Zeit möchten wir den Besucherinnen und Besuchern auch Geschichten „aus dem Volk“ erzählen. Zahlreiche Nachlässe und persönliche Dokumente aus der Sammlung Volkskunde, wie Feldpostbriefe, Haushaltsbücher oder Fotoalben, können dazu beitragen.

Albert Soost mit Schwester Helene und Bruder Kurt, um 1910

Albert Soost mit Schwester Helene und Bruder Kurt, um 1910

Albert Soost

In der neuen Dauerausstellung wird Ihnen unter anderem Albert Soost begegnen. Er wurde 1892 als Sohn des Volksschullehrers Hieronymus und seiner Frau Mathilde in Ihringshausen bei Kassel geboren. Zu seiner Schulzeit war man von heutigen Erziehungsidealen wie Selbstverwirklichung oder freier Persönlichkeitsentfaltung des Kindes weit entfernt. In den höheren Schulen, die Kinder aus gutbürgerlichen Familien, wie Albert, besuchten, galt es vor allem brave Untertanen „heranzuziehen“. Strenge, Zucht, Ordnung und militärischer Drill waren an der Tagesordnung. Kein Wunder, dass Albert im Alter von 18 Jahren der 1896 gegründeten „Wandervogelbewegung“ beitrat. Diese, zunächst als Schülerwanderverein gedacht, ermöglichte Jugendlichen ohne die Kontrolle und Bevormundung ihrer Eltern und Lehrer die ungezwungene Gemeinschaft bei gemeinsamen Wanderfahrten zu erleben.

Reformbewegungen der Jahrhundertwende

Die Wandervögel waren Teil umfassender Reformbewegungen im Bürgertum. Gefordert wurden Reformen in der Pädagogik, in der Ernährungsweise, dem Kunstgewerbe oder auch der Kleidung, die sich vom Einschnürenden der Gründerzeit verabschieden sollte. Doch auch die Wandervögel konnten sich nicht gänzlich abgrenzen gegen die Konventionen, die die damalige Gesellschaft bestimmten. Zum Beispiel stand der „Alt-Wandervogel“ auch reformerischen Ideen wie dem gemeinsamen Wandern von Jungen und Mädchen oder der Abstinenz kritisch gegenüber.

Als der Erste Weltkrieg schließlich ausbrach, wurden viele Wandervögel von der Euphorie ihrer Altersgenossen mitgerissen und meldeten sich als Kriegsfreiwillige. Ebenso wie große Teile der Bevölkerung waren sie innerlich zerrissen zwischen einem Herbeisehnen und einem Verteufeln des Krieges. Dieser Zwiespalt wird in einem Brief vom 29.07.1914 deutlich, den der noch Wehrdienstleistende Albert an seine Eltern schickte:

„Sollten wir uns nicht mehr sehen, so will ich so von Euch Abschied nehmen. Vielleicht komme ich nicht wieder, dann tröstet Euch damit, daß es Gottes Wille ist. Ich sterbe gern fürs Vaterland, denn ich sterbe dann auch für Euch.“

Erfahrungen im Krieg

Auch wird oft von Zeitgenossen berichtet, dass sie den Beginn des Krieges mit dem Aufbruch zu einer großen Fahrt verwechselten. In den Feldpostbriefen vieler Wandervögel findet man nach heroischen Siegesbekundungen immer mehr Zweifel, je länger der Krieg andauerte und je mehr sie verstanden, was Krieg eigentlich bedeutete. Albert Soost verdeutlicht dies in einem Brief an seine Schwester Helene vom 21.09.1914:

„Die Kugeln pfeifen & die Schrapnelle & Granaten heulen es geht über & Tote & Verwundete immer vor. Kommt die Kugel für dich fragt man immer. (…) Man kann fast den Verstand verlieren. Neben uns liegen Tote. Man muß ruhig den ganzen Tag daneben liegen + darf sich kaum … den andern Seite lagen. (…)
Unsere Kürassiere tun ihr Teil. Das sieht man an den Leichen, Abends verbrennen wir 2 Komp. Russen lebendig in einer großen Scheune, worin sie sich versteckt hatten. Das war ne Katzenmusik. Jeder der raus kam, wurde weggeknallt. (…).“

Zunächst noch als „Einjährig-Freiwilliger“ seinen Wehrdienst ableistend, erlebte Albert den Ersten Weltkrieg von Anfang an. Gerade einmal ein Viertel der etwa 10.000 Wandervögel, die im Krieg als Soldaten oder in Lazaretten eingesetzt waren, kehrten lebend nach Hause zurück. Albert Soost fiel am 9. August 1915 im Alter von nur 22 Jahren.

In den 1920er Jahren wurde die überregional bekannte Burg Ludwigstein in Witzenhausen von den überlebenden Wandervögeln erworben und als Gedenkstätte für die Gefallenen eingerichtet. Heute befindet sich dort das Archiv der deutschen Jugendbewegung. Die Fotos stammen aus dem Nachlass der Familie Soost.

Autorin: Tamara Block (FSJ-lerin in der Sammlung Volkskunde)

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