Ein rätselhafter Depotfund

Eine neue Dauerausstellung zu konzipieren heißt, altbekannte Exponate auszuwählen und für die Ausstellung zu beschriften, aber auch ungewöhnliche, manchmal sogar spektakuläre Entdeckungen im eigenen Depot zu machen. Über manche dieser Neuendeckungen ist kaum etwas bekannt. Andere wurden von Forschern schon bearbeitet, geben den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Museums aber dennoch Rätsel auf. Ein solches Kunstwerk ist eine Medaille aus Silber, die der Leiterin der Sammlung Angewandte Kunst, Dr. Antje Scherner, in den Münzschränken des Depots in die Hände fiel. Es handelt sich um ein Werk, das in engem Zusammenhang zu Leonhard Kern (1588 – 1662) steht. Kern gilt als einer der wichtigsten Bildhauer des Barock in Deutschland. Auch in der Kasseler Sammlung ist er vertreten – zu Lebzeiten Landgraf Carls sogar mit mehreren Skulpturen aus Elfenbein.

Die unscheinbare Silbermedaille zeigt auf einer Seite die Glücksgöttin „Fortuna“, eine Statuette von Leonhard Kern, die sich im Bestand der Sammlung Angewandte Kunst befindet. Auf der anderen Seite findet sich das Porträt einer männlichen Figur mit einer Langhaarperücke. Die Medaille wurde auf einer sogenannten Konterfei-Drechselbank angefertigt, die normalerweise für das Drechseln von figürlichen Reliefs in Holz oder Elfenbein – häufig Porträts – genutzt wurde. Die Drechselarbeit wirkt eher grob und das Objekt wurde offensichtlich nicht vollendet, denn die Feinarbeiten fehlen. Diese Tatsache ist bemerkenswert, weil die Medaille nicht etwa aus unedlem Material, sondern aus Silber besteht und somit einen hohen Materialwert besaß. Mehr als 330 Gramm wiegt sie heute, der Silber-Rohling muss also noch schwerer gewesen sein. Ein normaler Reichstaler hatte ein Gewicht von nur 29 Gramm – die Medaille wog also elfmal mehr als die damals größte Reichsmünze. Ihr Wert entsprach etwa dem Monatsgehalt eines Hofkünstlers. Wer kommt also als Erschaffer eines so wertvollen Objekts in Frage? Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass die Medaille von einem „normalen“ Künstler stammt, zumal sie niemals fertig gestellt wurde. Kaum ein Künstler konnte es sich leisten, ein Monatsgehalt zu investieren, ohne das Werk zu vollenden und zu verkaufen.

Sollte deshalb Landgraf Carl von Hessen-Kassel (1654 –1730), der Erbauer des Herkulesbauwerks und der barocken Wasserspiele im Welterbe Bergpark Wilhelmshöhe, persönlich die Medaille gedrechselt haben? Aus zeitgenössischen Quellen ist überliefert, dass Carl eine Drechselbank besaß und darauf Beachtliches schuf. So drehte er „allerhand Figuren und Bilder also, dass ein jeder solche herrlich rare Kunstarbeit mit größter Verwunderung ansehen muss“, wie Johann Just Winkelmann 1697 festhielt. Genau wie Zar Peter der Große verbrachte Carl viel Zeit mit dem Drechselhandwerk und dies mit beachtlichen Resultaten.

Also wer, wenn nicht der Landgraf selbst, besaß die finanziellen Möglichkeiten, ein so wertvolles Silberstück zu drehen, ohne es zu einem fertigen Kunstwerk zu vollenden zu müssen? Wenn es stimmt und der Landgraf nicht nur Kerns „Fortuna“, sondern auch sein eigenes Konterfei aus dem Silber gedrechselt hat, dann kann die Medaille in die Zeit um 1695 eingeordnet werden. Eine spannende Datierungs- und Zuschreibungsgeschichte, bei der der Landgraf selbst zum Künstler wird! Natürlich sind noch viele Fragen offen: Gibt es weitere Drechselarbeiten von seiner Hand? Hat er auch andere Kunstwerke aus Silber gefertigt? Wir bleiben der rätselhaften Medaille und dem Künstler Landgraf Carl weiter auf der Spur.

Autorinnen: Dr. Antje Scherner, Dr. Lena Weber

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