Erster Blick in die Restaurierungswerkstatt

Gut ausgeleuchtet wird die Prunkkanne aus Elfenbein und Silber im Hessischen Landesmuseum (HLM) in Kassel stehen. Sie gehört zu einem der besonders prunkvollen Objekte in der neuen Dauerausstellung. Doch bis das Exponat letztendlich in der Vitrine ausgestellt wird, braucht es einiges an Vorarbeit. Während das Konzept der Ausstellung hauptsächlich von den Sammlungsleiterinnen erarbeitet wurde, arbeiten sie doch eng mit den Restauratorinnen und Restauratoren zusammen. Denn sie sind die Experten, wenn es um die Exponate geht. Sie kennen die Materialität der Objekte am besten, beurteilen ihren Zustand und kümmern sich um ihre Verwahrung im Depot.

Bei der MHK gibt es neun Restaurierungswerkstätten (Gemälde und Skulptur, Graphik und Papier, Kunsthandwerk, Metall, Möbel und Holzobjekte, Archäologisches Kulturgut, Tapeten, Textilien und Objekte aus Leder, Uhren) mit elf fest angestellten Restauratorinnen und Restauratoren. Schwerpunkte der Arbeiten liegen zurzeit bei der Restaurierung von Objekten für die neue Dauerausstellung im HLM.

An dieser Stelle gewährt uns die Diplom-Restauratorin für Kunsthandwerk, Anne Becker, einen Blick in ihre Werkstatt. In einem Interview erzählte sie uns, was alles zu tun ist damit ein Objekt zu einem ausstellungsfertigen Exponat wird. Exemplarisch dargestellt hat sie das an der oben genannten Prunkkanne mit alttestamentarischer Szene (Danzig, um 1680) aus der Sammlung Angewandte Kunst. Die Kanne besteht aus den Materialien Elfenbein, Messing und vergoldetem Silber. Die Elfenbeinschnitzereien stammen von Christoph Maucher, die Goldschmiedearbeiten werden Ernst II Kadau zugeschrieben.

 

Liebe Frau Becker, was ist das Besondere bzw. das Spannende an dem Projekt zur Wiedereröffnung des HLM aus Restauratorinnensicht?

„Das Besondere ist zum einen die Vielfalt an Objekten und Materialien, die durch meine Werkstatt gehen und zum anderen die eingehende Beschäftigung mit den Objekten. Niemand sonst, außer den Personen, die intensiv mit dem Objekt arbeiten, kommen dem Objekt so nahe wie die RestauratorInnen. Die Arbeit unter dem Mikroskop bedeutet, dass man jedes noch so kleinste Detail erkennen kann. Bei der Prunkkanne ist schon sehr beeindruckend, wie filigran der Künstler z. B. die Schnitzereien herausgearbeitet hat. Diese Details sieht man oft nicht, wenn das Objekt neben vielen weiteren in der Vitrine steht. Besonders spannend ist aber auch die Vielfalt an Materialien, mit denen ich mich beschäftigen kann. Bei jedem Objekt muss man sich am Anfang überlegen, wie man da herangeht. Wie ist der Zustand des Materials? Fehlen Teile des Objekts? Wo wurde vielleicht zu einem früheren Zeitpunkt schon restauriert? Hier entdeckt man z. B. Altrestaurierungen, die man nach heutigem Stand so nicht mehr nachvollziehen kann. Die Zielsetzung der Restaurierung spreche ich mit den SammlungsleiterInnen ab. Objekte der Volkskunde werden beispielsweise häufig nur gereinigt, da bei ihnen gerade der benutzte Zustand bzw. die Gebrauchsspuren interessant sind. Bei Objekten aus anderen Sammlungen füge ich aber fehlende Teile, wie z. B. den Henkel einer Tasse, auch wieder hinzu. Aufgrund dieser verschiedenen Ansprüche wird die Arbeit an der Restaurierung der Objekte für das HLM auch nie langweilig.“

Wie sind Sie bei der Restaurierung der Prunkkanne vorgegangen?

„Neben einer spannenden Herkunftsgeschichte der Kanne (sie ist nämlich eher zufällig in die Sammlung der MHK gelangt) sieht man schon an ihrer prachtvollen Ausgestaltung, dass diese Kanne nicht für den Gebrauch angefertigt wurde. Dafür ist sie viel zu unhandlich, das Metall der Kuppa und des Deckels sind sehr dünn, der Henkel mit den geschnitzten Figuren aus Elfenbein für eine Handhabung der Kanne nicht geeignet. Sie ist ein reines Schaustück. Um die Kanne zu reinigen, habe ich sie soweit wie möglich auseinandermontiert und bin dabei auf interessante Verbindungen gestoßen. Die sehr massiven, schweren Elfenbeinteile sind miteinander verschraubt. Das Gewinde wurde direkt in das Elfenbein hinein geschnitten. So in der Art habe ich das bei den Elfenbeinobjekten der Sammlung hier zuvor noch nicht gesehen. Bei den anderen Elfenbein-Objekten sind die Verbindungen zierlicher ausgeführt. Die Einzelteile der Kanne wurden dann gereinigt. Dies ist ein oft langwieriger Prozess, der viel Konzentration erfordert. Interessant ist bei der Kanne, dass das Silberblech nur an den für die Betrachter sichtbaren Stellen vergoldet wurde. Die vom Elfenbein verdeckten Bereiche wurden silbern belassen. Man könnte fast meinen, der Goldschmied sei hier knauserig gewesen.“

In der neuen Dauerausstellung wird die Kanne im Themenbereich „Staunen – wissen – wundern“, in dem Kunst- und Schatzkammerstücke prachtvoll in Szene gesetzt werden, ausgestellt. Wir bedanken uns bei Frau Becker für den spannenden Einblick in ihre tägliche Arbeit.

Autorin: Almuth Kölsch

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