Die Stele von Ellenberg (Guxhagen) – eine Fundgeschichte

Anfang des letzten Jahrhunderts wunderte sich der Lehrer Scheufler aus Ellenberg über größere Steine, die bei der Feldbestellung auf einem nahe gelegenen Acker zutage kamen. Er meinte, es könne sich um ein vorgeschichtliches Grab handeln und meldete seine Beobachtung der Museumsverwaltung in Kassel. Die Besichtigung der Fundstelle bestärkte seinen Verdacht, und tatsächlich kamen bei Ausgrabungen im Oktober 1907 Reste von einem Grabhügel zutage. Man fand einen Steinkreis von etwa 9 m Durchmesser und eine zentral gelegene Steinpackung, die ursprünglich sicher menschliche Überreste und Grabbeigaben enthielt. Funde von Gefäßscherben legten ein steinzeitliches Alter des Grabes nahe (nach heutigem Kenntnisstand zwischen 2800 und 2200 v. Chr.).

Die Stele von Ellenberg

Die Stele von Ellenberg

Wirklich erstaunlich war aber der Fund eines verzierten Sandsteinblocks – offenbar das Fragment einer Stele –, der in den nördlichen Teil des Steinkreises eingebaut war. Das Fragment ist noch 84 cm hoch und rundum bearbeitet, wobei eine Seite ein Relief zeigt, das aus eingetieften hängenden und herausgearbeiteten stehenden Dreiecken besteht. Die Qualität der Bearbeitung war so hoch, dass den Ausgräbern vorübergehend Zweifel am hohen Alter der Stele kamen. Tatsächlich musste sie aber noch älter als der steinzeitliche Grabhügel sein, da sie mit der verzierten Seite nach unten lag und lediglich als Baustein, nicht als sichtbarer Teil des Grabmonuments, verwendet worden war.

Eine alternative Deutung der Fundstelle als mittelalterliche Gerichtsstätte wurde nach einer erneuten Grabung durch Johannes Boehlau, damals Direktor am Museum Fridericianum, endgültig verworfen. Zweifellos war man sich über die Bedeutung der verzierten Stele im Klaren. In einem Bericht an den Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau aus dem Jahr 1908 spielte Boehlau ihren Wert sogar bewusst herunter, da sonst zu befürchten war, dass man sie an das Preußische Prähistorische Museum in Berlin abgeben müsste. Boehlau in seinem Schreiben:

Die stattgehabte Nachuntersuchung des Ellenberger Grabes hat ergeben, dass es sich nicht um eine Gerichts- oder Malstätte, sondern um ein Grab der Steinzeit handelt, zu dem der skulptierte Stein gehören muß. Damit verschwindet die ausserordentliche Bedeutung des Fundes, der, so interessant er an sich auch ist, sich doch anderen anreiht, und zu weiteren Schritten kaum Veranlassung geben dürfte.

Heute gehört die Stele von Ellenberg zu den herausragenden Stücken der Kasseler Sammlung für Vor- und Frühgeschichte. Noch immer wirft sie viele Fragen auf. So ist unklar, in welche Zeit ihre Herstellung datiert und wo sie vor ihrem Einbau in den Grabhügel stand. Offen ist auch, welche Bedeutung sie für die damals lebenden Menschen hatte. Mag sein, dass sie einen besonderen Ort markierte oder zur Würdigung einer verdienstvollen Persönlichkeit aufgestellt worden war.

 

Messskizze zum Grabhügel von Ellenberg nach Johannes Boehlau (Umzeichnung: I. Görner, MHK)

Messskizze zum Grabhügel von Ellenberg nach Johannes Boehlau (Umzeichnung: I. Görner, MHK)

Autor: Andreas Sattler

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