Wendelringe – Materialermüdung nach 2600 Jahren

Die so genannten Wendelringe der älteren Eisenzeit (600-450 v. Chr.) sind beeindruckende Schmuckstücke und Meisterwerke der Bronzeverarbeitung. Sie finden sich in Norddeutschland, dem Mittelrheingebiet, Thüringen und auch in Nord- und Mittelhessen. Sie wurden ausschließlich von Frauen als Halsschmuck getragen. Die ehemals goldglänzenden Ringe boten sicherlich einen reizvollen Anblick. Bis in die 1960er Jahre war jedoch völlig unklar, wie den Handwerkern der Eisenzeit die Herstellung dieser faszinierenden Schmuckstücke überhaupt gelang. Nur durch aufwendige Versuche konnte dieses Rätsel schließlich gelöst werden. Danach formten die Handwerker zunächst eine Bronzestange, die zu einem Stab mit sternförmigem Querschnitt ausgeschmiedet wurde. Mithilfe von zangenartigen Holzknebeln verdrehten sie ihn anschließend in wechselnden Richtungen. Dabei waren immer nur wenige Drehungen möglich, denn bei einer Verarbeitung im kalten Zustand wird Bronze schnell spröde und in der Folge brüchig. Um dem entgegenzuwirken, muss das Werkstück im gerade bearbeiteten Bereich immer wieder bis zur Rotglut erhitzt werden. Bis zur Fertigstellung eines Wendelringes waren bis zu 48 solcher Glühvorgänge nötig.

Durch die Experimente wissen wir, dass der Herstellungsprozess ausgesprochen großes Können und Wissen um die Materialeigenschaften von Bronze voraussetzt. Das Verhältnis von Kupfer und Zinn muss genau auf dieses Schmuckstück abgestimmt sein, und bestimmte störende Spurenelemente wie etwa Schwefel gilt es im Vorfeld so gut wie möglich zu beseitigen. Die richtige Bearbeitungstemperatur muss genau eingehalten werden, und auch die Frage, ob das Halbfabrikat nach jedem Arbeitsschritt schnell oder langsam abkühlt, spielt eine Rolle. Die Herstellung eines solchen Meisterwerkes war also sicherlich nicht jedem Bronzehandwerker ohne Weiteres möglich. Insgesamt zeigen die Versuche auch, dass die Fertigung sehr zeitaufwendig war: Die Forscher benötigten über 30 Arbeitsstunden zur Fertigstellung eines Ringes.

Die wechselseitigen Verdrehungen, die nach Vollendung des Ringes ein reizvolles Licht- und Schattenspiel ergaben, machten das Schmuckstück aber auch sehr bruchanfällig. Die Wendestellen der Torsion waren durch die starke Beanspruchung bei der Herstellung die Schwachpunkte der Ringe. So musste sicherlich auch die Trägerin in der Eisenzeit immer fürchten, dass ihr Halsschmuck Schaden nahm. Vermutlich legten die Frauen ihre Ringe daher nur selten ab, um die Beanspruchung zu minimieren. Jedenfalls ist es kein Wunder, dass die in der Sammlung für Vor- und Frühgeschichte erhaltenen Exemplare dieser Schmuckvariante oftmals genau an diesen Stellen gebrochen sind.

Vor einer Präsentation im neuen Landesmuseum muss daher die Restauratorin ran.

Wendelring vor der Restaurierung

Wendelring vor der Restaurierung

Mit dem einfachen Zusammenkleben der Bruchstellen ist es bei den Objekten aber leider nicht getan. Denn einige der Kasseler Wendelringe haben schon die eine oder andere Reparatur zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts hinter sich; zu einer Zeit, als es den Beruf des Restaurators noch gar nicht gab. Solche Altrestaurierungen mit inzwischen verbräunten Überzügen aus Harzen oder Leimen, zementähnlichen Kittmassen oder gar Lötungen gilt es zunächst zurückzuarbeiten, damit die Betrachter einen möglichst unverstellten Eindruck von der Form und Oberfläche des Wendelringes bekommen. Mit Dentalschleifern, Skalpell, Schabern und Lösemitteln geht es an die Freilegung, und zum Vorschein kommt die türkisgrüne Farbe der originalen Oberfläche der Bronze. Die ursprünglich goldglänzende Farbe ist heute, nach einer so langen Zeit im Erdreich, natürlich nicht mehr zu erwarten.

Bruchstelle im Detail

Bruchstelle im Detail

Nachdem das geschehen ist, können die einzelnen Bruchstücke wieder zu einem Ganzen zusammengefügt werden. Die Klebung ist allerdings nicht ganz unproblematisch, da der sternförmige Querschnitt des Ringes nur eine kleine Fläche bietet, an der der Klebstoff kraftschlüssig die Stücke verbinden kann. Klebstoff allein würde daher nicht ausreichen, um eine dauerhafte Verbindung herzustellen. In der Mitte der Fläche bietet sich jedoch die Möglichkeit, auf jeder Seite ein winziges schmales Loch einzubohren. Dort wird ein kleiner Stift aus Edelstahl als Dübel eingesetzt, der die anschließende Klebung unterstützt.

Wendelring nach der Restaurierung

Wendelring nach der Restaurierung

Die um die Bruchstelle herum abgebrochenen Profile, bei einem Wendelring auch als Lappen bezeichnet, werden ergänzt bzw. rekonstruiert. Diese Maßnahme erhöht noch einmal die Stabilität der fragilen Stelle, und der Ring sieht zudem noch etwas harmonischer aus. Für die Ergänzung werden kleine Streifen Glasfasergewebe in Form des Lappenprofils zugeschnitten und in die Fehlstelle eingesetzt. Auf dieses „Gerüst“ wird eingefärbter Kunststoff modelliert und in der Form den umgebenden Flächen angepasst. Zum Abschluss erhält die nachgebildete Stelle eine Farbretusche, sodass die Ergänzung nur noch bei genauer Betrachtung aus der Nähe auffällt. Damit ist das Stück stabilisiert, schön hergerichtet und für die Präsentation in der neuen Dauerausstellung des Hessischen Landesmuseums in Kassel bereit.

Autorinnen: Dr. Irina Görner, Barbara Häcker

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.