Selbstgeschrieben. Zum Umgang mit subjektiven Selbstzeugnissen als historische Quelle in der Sammlung Volkskunde

Ob Tagebuch oder Feldpostbrief, Liederbuch oder Rezeptheft. Trotz ihrer unterschiedlichen Funktionen haben all diese schriftlichen Selbstzeugnisse eines gemeinsam: Sie geben uns Auskunft über das subjektive Erleben und Empfinden eines Individuums in seiner Zeit. Durch diese selbstgeschriebenen Quellen, die u. a. durch Schenkungen von Nachlässen in die Sammlung Volkskunde gelangen, erfahren wir etwas über vergangene Alltage und Lebensgewohnheiten auch von Menschen aus der unteren und mittleren sozialen Gesellschaftsschicht, die sonst nur als Teil der anonymen Masse des Volks in der Geschichte auftauchen.

Wie der Umgang mit diesen wichtigen Quellen in der Sammlung Volkskunde gepflegt wird und wie die Selbstzeugnisse Eingang in die neue Dauerausstellung im Hessischen Landesmuseum in Kassel finden werden, soll im Folgenden anhand eines Kriegstagebuchs von 1914 erläutert werden.

Heinrich Wagener

Heinrich Wagener

Das Tagebuch von Heinrich Wagener ist Teil eines Konvoluts an Dokumenten, Fotos und Objekten, das 2008 als Schenkung in den Bestand der Sammlung Volkskunde der MHK gelangte. Es ermöglicht uns, die Familiengeschichte der Familie Wagener über einen Zeitraum von ca. 100 Jahren und über drei Generationen hinweg zu rekonstruieren und in der „großen Geschichte“ zu verorten.

Der Müller Heinrich Wagener wurde 1879 in Kirchheim bei Bad Hersfeld geboren und lebte mit seiner Frau Katharina und den fünf gemeinsamen Kindern auf der Eichmühle. Im August 1914 wurde er eingezogen und machte eine Ausbildung zum Sanitäter in Mainz. Am 28. August 1916 fiel Heinrich Wagener in der Schlacht an der Somme.

Im ersten Eintrag seines Tagebuchs beschreibt Heinrich Wagener seine Eindrücke und Erlebnisse in dieser neuen Lebenssituation. Er berichtet vom Tag der Mobilmachung:
Gestellt am 4rten Mob[ilisierungs] Tag 7 Uhr in Hersfeld (Kriegsschulhof). Hier wurden wir eingetheilt zum Ersatz Bat[aillon] des Reserve Inf[anterie] Reg[iments] 83 Kassel u[nd] musten in Zivielkleidung den Marsch nach Kassel in 3 T[agen] Hersfeld-Rotenburg, Rotenburg-Melsungen u. Melsungen Kassel, jeden T[a]g 25 – 30 km zurücklegen. An dem Ausgang von Hersfeld wurde unser Gebäck [sic!] auf Wagen geladen und wir Mannschaften von den Hersfelder Bürgern reichlich mit Kaffe[,] Kuchen[,] Brödchen[,] Wurst usw. reichlich bewirtet. Um 12 Uhr marschierten wir zur Reise nach Rotenburg, die bis dahin pas[s]ierten Ortschaften, erzeichten [sic!] uns ebenfalls große[,] staunenswerte[,] innige Teilnahme[,] besonders Bebra, u[nd] noch mehr Hainebach[,] da gabs dann Kaffee // also ich kann überhaupt nicht sagen, was die Leute alle auftischten, rech[t]ts u. links am Wege standen Tische und Bänke, ich sprach dann noch mit viel bekannten Hainebachern. Die vielen uns begegneten Militärzüge war von ersten bis letzten Wagen mit Manschaften dicht befüllt und mit Greide [sic!] beschrieben, […].“

Eintragungen im Tagebuch

Eintragungen im Tagebuch

Bei der Interpretation solcher subjektiver Selbstzeugnisse (auch als Ego-Dokumente bezeichnet) muss darauf geachtet werden, dass es sich um sehr individuelle, persönliche Darstellungen handelt. Ein anderer Soldat hat vielleicht ganz andere Eindrücke in seinem Tagebuch oder in Briefen an die Familie geschildert. Ebenso kennzeichnend für Tagebücher als historische Quelle ist der Selektionsmechanismus, der bereits beim Erinnern einsetzt und beim tatsächlichen (oft zeitverzögerten) Niederschreiben dann besonders zum Tragen kommt, z. B. durch Kürzungen oder Verfälschungen. Der Autor berichtet über ein Ereignis aus der Perspektive eines Einzelnen. Daher kann man weder faktische Ereignisgeschichte noch die objektive historische Wahrheit erwarten. Ein kritischer Umgang mit dieser Quellenart ist somit fester Bestandteil unserer täglichen Arbeit.

Um die Subjektivität des Geschriebenen zu verdeutlichen, wird in der neuen Dauerausstellung auch eine Pfarrersfrau aus der Region zu Wort kommen und ihre Eindrücke vom Beginn des Ersten Weltkriegs hier in der Region schildern. [1]

Autorin: Almuth Kölsch



[1] Dieser Text basiert auf der Kunstpause Selbstgeschrieben. Zum Umgang mit schriftlichen Zeugnissen in der Sammlung Volkskunde am 11. Februar 2015 in der Neuen Galerie.

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