Ein bemerkenswerter Knochenfund aus Kassel-Waldau

Sensationsfunde begeistern und werden in der Archäologie auch immer wieder groß verkauft. Man denke nur an die Entdeckung des Grabes von Tutanchamun in Ägypten, an die Wiederentdeckung Trojas durch Heinrich Schliemann in der Türkei oder an die spannende Fundgeschichte um die Himmelsscheibe von Nebra. Dabei halten keineswegs alle Sensationen das, was sie versprechen. Manch ein Münzschatz hat sich im Nachhinein schon als Fälschung erwiesen – sowohl was seine Bestandteile als auch seinen Fundort betrifft. Es ist also Vorsicht geboten. Nichtsdestotrotz möchten wir Ihnen einen kleinen Sensationsfund aus Kassel-Waldau nicht vorenthalten.Es handelt sich um einen Tierschädel, den ein Hobby-Zoologe im Herbst 2014 am Ufer eines Baggersees bei Kassel-Waldau gefunden hat. Da bei dem Knochen eine altertümlich wirkende Scherbe lag, benachrichtigte der Finder die Archäologen. Die darauf folgende Untersuchung der Fundstelle durch die Grabungsfirma ArchAkkord&WerkVertrag GmbH erbrachte dann noch weitere Scherben, wobei zwei davon der so genannten Bergheimer Kultur zugeordnet werden können, einer archäologischen Kultur der Jungsteinzeit vor etwa 3400 bis 2900 Jahren v. Chr.

Waschbärschädel von Kassel-Waldau

Waschbärschädel von Kassel-Waldau

Überraschend war, dass der Schädel zu einem Waschbär gehört (lateinisch: Procyon lotor) – einem Tier, das nach bisherigem Kenntnisstand aus Nordamerika stammt und erst in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts bei Kassel ausgewildert wurde. Zwar reichen die jüngsten europäischen Fossilien solcher Kleinbären bis in das Wurm-Glazial zurück – eine Kaltphase vor 2,6 Millionen Jahren. Spätestens seit der letzten Eiszeit gilt der Waschbär hierzulande aber als ausgestorben.

Die Überlegungen der Forschung gehen nun dahin, dass in der Jungsteinzeit Waschbären aus Nordamerika auf Treibholz über den Atlantik gelangten, sich an der Nordseeküste rasch vermehrt und über die Flussläufe der Weser und Fulda bis nach Kassel ausgebreitet haben. Dass die Tiere ihre Reproduktionsrate in Stresssituationen steigern können, ist hinlänglich bekannt. Und um eine Stresssituation muss es sich bei der Überquerung des Atlantiks zweifellos gehandelt haben.

Welche Rolle die Waschbären für die Menschen der Steinzeit spielten, ist schwer zu sagen. Die Vergesellschaftung eines Waschbärschädels mit Scherben der Bergheimer Kultur in Kassel-Waldau zeigt aber, dass ein Zusammenhang bestand. Sicher wurden die Tiere aufgrund ihres warmen Fells geschätzt und gejagt. Denkbar ist auch, dass sie aufgrund ihrer Vorliebe für Wasser zum Apportieren von Fischen abgerichtet wurden. Damit hat der Waldauer Fund auch für die Haustierforschung weitreichende Implikationen.

So etwa könnte der Waschbär ausgesehen haben

So etwa könnte der Waschbär von Kassel-Waldau ausgesehen haben

Natürlich wird der Waschbärschädel von Kassel-Waldau auch in der neuen Dauerausstellung des Hessischen Landesmuseums in Kassel zu sehen sein. Angedacht ist eine schwebende Montage im Antikensaal mit Videoinstallation und einer Schwarzlichtinszenierung.

AutorInnen: Das Blog-Team

2 Gedanken zu „Ein bemerkenswerter Knochenfund aus Kassel-Waldau

    • Liebe Frau Pee, liebe Leser,

      bei unserer gestrigen Waschbär-Story handelte es sich tatsächlich um einen Aprilscherz. Wir freuen uns, dass Sie darüber geschmunzelt haben.

      Ihr Blog-Team!

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