Interview auf der Baustelle: Ein Gespräch mit Projektarchitekt Matthias Schirrmacher

(c) Matthias SchirrmacherMatthias Schirrmacher, Architekt und seit 2002 bei HG Merz tätig, leitet seit Beginn der Umbaumaßnahmen den Hochbau im Projekt Hessisches Landesmuseum in Kassel (HLM). Er studierte Architektur an der Universität Karlsruhe und war zuvor als Projektleiter bei verschiedenen anderen Büros tätig. Bei einem Gespräch auf der Baustelle im März berichtete er vom momentanen Stand der Dinge, hob das Besondere an der Sanierung eines Museumsgebäudes hervor und signalisierte, dass sich ein Besuch des HLM nicht nur wegen der neuen Dauerausstellung lohnen wird.

Lieber Herr Schirrmacher, zunächst einmal vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns nehmen. An was wird momentan hauptsächlich auf der Baustelle gearbeitet?

Neben fertiggestellten Leistungen gibt es immer noch neue Vergaben an kleinere Gewerke wie die Aufarbeitung von seltenen Bestandsböden, die es nur hier im Haus gibt, wie z.B. der Gipsestrich. In zwei weiteren Räumen haben wir Parkettböden aus der Bauzeit sowie Terrakottaböden. Hierfür suchen wir spezielle Unternehmer, die Erfahrung und Referenzen in der Denkmalpflege haben.
Auch muss im Turm ein Treppenlauf für die bestehende Holztreppe, der in der Vergangenheit abgebrochen wurde, ergänzt werden. Auch hierfür suchen wir einen erfahrenen Tischler, da Treppenbau nicht zum Standardrepertoire jedes Tischlers gehört.
Wir haben heute außerdem ein Startgespräch mit dem Auftragnehmer für die Bodenbeschichtungen. Das betrifft den Ausstellungsbereich der Volkskunde im zweiten Obergeschoss und das dritte Obergeschoss.
Bei der Steuerung so vieler verschiedener Gewerke, vom Rohbau bis zur Schließanlage, besteht für mich als Projektleiter dann die Kunst darin, einerseits Fachmann zu sein, andererseits natürlich auch Generalist zu bleiben.

Wie ist das Zusammenspiel zwischen Hochbau und inhaltlicher Ausrichtung der neuen Dauerausstellung? Bei welchen Themen treffen sich Bau/Architektur und Ausstellungsinhalte?

Da muss ich etwas weiter ausholen. Grundsätzlich bemühen wir uns, bei Bestandsgebäuden eine gewisse Ursprungsform, soweit sie technisch vertretbar ist, wieder herauszuarbeiten. Es gibt eine Vielzahl von vorherigen Sanierungen, die eigentlich eher als Verunstaltungen anzusehen sind, diese müssen bzw. wollen wir wieder entfernen.
Bei der Ausstellungsgestaltung ist es ein bisschen anders. Seinerzeit hat Theodor Fischer (Architekt des Gebäudes) die Ausstellungsräume in Absprache mit Johannes Böhlau (erster Direktor des HLM) sehr zurückhaltend gestaltet, während Böhlau die Ausstellungsräume sehr virtuos eingerichtet hat. Fischer lieferte eigentlich nur den Hintergrund in den klassischen Ausstellungsräumen.
Auch heute wollen wir in der Ausstellungsgestaltung etwas eigenständiger sein. Daher bemühen wir uns im Hochbau eher um eine Zurückführung, eine Entschlackung, Bereinigung und Herausarbeitung des Bauzustands von 1913, sofern dieser dokumentiert ist. In der Ausstellung bemühen wir uns aber, die Besucher durch eine heute auch als attraktiv empfundene Ausstellungsgestaltung und Ausstellung im Hier und Jetzt abzuholen. Mit den Bodenbelägen gehen wir beispielsweise auf die inhaltliche Ausrichtung der Ausstellung ein. Wir haben in der Vor- und Frühgeschichte im Erdgeschoss das satte Anthrazit und in der höfischen Kunst im ersten Obergeschoss das feierliche Rotbraun, was als wertiger empfunden wird. In der Volkskunde im zweiten Obergeschoss, im Sonderausstellungsbereich und im Schaudepot im dritten Obergeschoss wird der Gussasphalt beschichtet. Gründe dafür sind erstens, dass die chronologische Erzählung hier an die Gegenwart heranreicht und daher auch der Bodenbelag moderner wirken soll. Zweitens soll der Wechselausstellungsbereich den heutigen Zwecken dienen und entsprechend auch moderner gestaltet werden.
So gesehen ist es immer auch eine Gratwanderung: einerseits auf die Ausstellungsinhalte einzugehen, andererseits aber auch im Blick zu behalten, dass der Hochbau auch für sich stehen kann. Wir wissen zwar nicht, ob die Ausstellung in 30 Jahren noch attraktiv sein wird, aber sie wird sicherlich schneller erneuert werden, als dass die nächste Gebäudesanierung kommt.

Was empfinden Sie aus architektonischer Sicht als das Herausragende des Gebäudes?

Es ist schillernd. Man empfindet vieles als seriell in diesem Haus, aber wenn man dann näher hinguckt, sind es z. B. allein sieben Grundtypen an verschiedenen Fenstern mit ca. 180 Untertypen insgesamt.
Und was hier sicherlich auch besonders ist, ist, dass es als ein Bau erstellt wurde. Bei unserem vorherigen Projekt, der Instandsetzung des Schlosses Ettlingen, war es differenzierter mit einer Vielzahl an baulichen Elementen aus verschiedenen Epochen. Das finden wir hier nicht vor. Wir haben einen im Krieg erstaunlicherweise nahezu unzerstörten, homogenen Bau von 1913.

Gab es in der Zeit der Instandsetzung des Gebäudes bauliche Überraschungen?

Da muss ich wirklich schwer überlegen. Meine Kinder fragen mich immer „Was hast du denn heute entdeckt?“ Bei unserem letzten Projekt, im Schloss Ettlingen, haben wir z. B. Deckenbalken aus der Zeit Luthers gefunden oder im Gebälk einen fein gearbeiteten Leder-Kinderschuh. Und diese Geschichten erzähle ich immer zuhause. Aus Kassel kann ich aber kaum etwas erzählen. Bis auf eine eingebaute Bierflasche aus den 1970er-Jahren haben wir nichts gefunden. Was wir aber erst kürzlich entdeckt haben sind die drei Triforienfenster des ehemaligen Kirchenraums.

Was ist das Interessante an der Sanierung eines Museums im Gegensatz zu anderen öffentlichen Gebäuden?

Das ist ja genau der Punkt. Wenn Sie z. B. eine Schule, ein Bürogebäude oder ein Ladengeschäft bauen bzw. sanieren, haben Sie letztendlich aufgrund von Rahmenverträgen auf die Einrichtung keinen Einfluss. Hier haben wir aber die Chance, und das ist auch das Schöne an dem Geschäft, dass man praktisch bis zur letzten Schraube alles bestimmen kann. Was natürlich auch ganz klar den entsprechenden Aufwand generiert. Da müssen wir ganz genau drauf achten, dass bei den Projekten, die sehr lange gehen, wir auch entsprechend wirtschaftlich arbeiten.

Heißt da, überspitzt gesagt, dass jede Schraube auch über Ihren Schreibtisch geht?

Ja genau.

Was ist für die Besucher ein architektonisches Highlight im HLM?

Ich könnte sagen, sehr gute und tragfähige Ideen und auch Bauteile und ein baugeschichtlich sehr interessanter Bau der Reformarchitektur. Die Kernidee war ja, die Höfe zu überdecken und dadurch im Erdgeschoss Ausstellungsfläche zu gewinnen und den Rundgang zu ermöglichen. Das ist sicher ein Fortschritt und auch ein Erlebnis für die Besucher.
Und was ich auch immer als schön empfinde, ist dieser Wechsel aus gedeckten, gedämpft belichteten, bestehenden Ausstellungsräumen, und dann diesen neuen Ausstellungsräumen im Erdgeschoss in den Höfen. Also es wird hell, es wird hoch, es wird licht, es wird weit. Und dann tauche ich wieder ein ins Bestandshaus. Deshalb haben wir versucht, durch Farben, Materialien, Licht und Schatten Spannung zu erzeugen und zu erhalten, dass in jedem Geschoss so ein gewisser Aha-Effekt kommt und die Besucher auch aus baulicher Sicht einen spannenden Museumsbesuch erleben.
Hinzu kommt das dritte Obergeschoss, auf welches ich schon sehr gespannt bin, und natürlich ganz oben der Turm. Das ist sicher auch eine Attraktion, weil er erstmals zugänglich sein wird. Das sind ja nicht nur 3-4 Geschosse, wir sind hier über der Hochhausgrenze. Das ist schon beeindruckend. Und der Turm liegt natürlich auch sehr schön am Knickpunkt zwischen Wilhelmshöher Allee mit Blick auf Wilhelmshöhe und der Achse zum Rathaus.

Zum Schluss: Wie lässt sich das Projekt Hessisches Landesmuseum in Kassel schlaglichtartig beschreiben?

Das ist ja ein langes Projekt. Und diese Spannung auszuhalten, finde ich mit am Spannendsten an so einem Bauvorhaben. Es gibt immer eine erste Phase mit sehr viel Schwung und Motivation. Und dann gibt’s so eine Mittelphase, die nenne ich „Hängebauchphase“, da ist ein Bauwerk halb zerstört, weil Sie es zurückbauen und sanieren müssen. Jeder außer dem Architekten denkt da: Also, ob wir das wieder hinkriegen? Und dann gibt es die Endphase, wo dann die Stimmung wieder steigt und man die ersten Erfolge sieht und denkt: So, wir sind später fertig geworden, aber es hat sich gelohnt. Und ich glaube, das macht mir am meisten Spaß, diese Spannung auszuhalten. Und zu wissen: Es wird uns gelingen, so wie es uns jedes Mal gelungen ist.
Und mich freut es natürlich als Freund von Theodor Fischers Architektur einen Bau von Fischer zu sanieren. Ich habe seine Architektur immer gemocht. Das ist für mich eine Ehre. Viele Kollegen müssen deutlich langweiligere Bauten machen. Und das ist für mich immer eine Auszeichnung. Aber auch zu wissen, dass in 50 Jahren andere wieder drangehen werden und es anders machen werden, das macht mich dann wieder bescheiden.

Das Interview führte Almuth Kölsch und wurde leicht redaktionell bearbeitet.

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