Zerbrechliche Schätze (Teil I) – von gläsernen Schlangen und Drachen

Greifen wir heute zu einem Glas, etwa einem Weinglas, ist uns kaum bewusst, dass gerade das klare, dünnwandige Glas an den frühneuzeitlichen Höfen Europas ein begehrtes Luxusobjekt war. In Venedig zur höchsten künstlerischen Vollendung gebracht, wurde es ab Mitte des 16. Jahrhunderts als sog. „venedisches Kristallglas“, „weißes Glas“ oder „Glas vom Tage“ auch an den landgräflichen Hof in Kassel importiert.

Obwohl die Glasherstellung in Hessen bereits ab dem 10. Jahrhundert urkundlich belegt ist und einstmals zu einer der bedeutendsten Kunst- und Handwerkszweige Hessens gehörte, konnte in den hessischen Glashütten lange Zeit nur grünes Glas, sog. Waldglas, hergestellt werden. Die grünliche bis bräunliche Färbung des Waldglases entstand durch eisenoxidhaltige Pottasche, die der Glasmasse als Flussmittel beigefügt wurde.

Erst Mitte des 15. Jahrhunderts wurde das Geheimnis der Herstellung des farblosen Glases auf der venezianischen Insel Murano entdeckt und dort auf das strengste gehütet. Dieses klar durchsichtige und farblose Glas – das sog. crystallo – und seine herausragende künstlerische Verarbeitung begründeten den Weltruhm des venezianischen Glases und ließen es zu einem der begehrtesten Luxusgüter an den Höfen Europas werden. Den venezianischen Glasmachern war daher die Ausreise unter strengster Strafe verboten. Dennoch suchten diese immer wieder ihr Glück in der Fremde, vor allem in Flandern und Holland. So entstand bereits 1531 die erste venezianische Glashütte in Middelburg. Antwerpen, Amsterdam und Haarlem folgten bald darauf. Im 17. Jahrhundert wurde schließlich Lüttich florierendes Zentrum der niederländischen Glasindustrie und die nach venezianischer Art gefertigten Gläser, die „verres à la façon de Venise“, zu den wichtigsten Luxusgütern des Exporthandels. In den Niederlanden entwickelte sich jedoch eine eigene Ausprägung der venezianischen Vorbilder, die aufgrund ihrer phantasievoll geschwungenen Schäfte, denen oft die Form von Schlangen, Drachen oder Vögeln gegeben wurde, auch „verres à serpent“ (Schlangengläser) genannt wurden. In Deutschland waren diese Gläser mit ihren zumeist breiten, häufig mit leuchtend blauem Glaskämmen versehenen Schäften, auch als Flügelgläser bekannt.

In der Sammlung Angewandte Kunst haben sich heute 53 Gläser „à la façon de Venise“ erhalten. Sie waren Teil der von Landgraf Wilhelm VIII. (1682-1760) angelegten Glassammlung, die er in dem ab 1749 neben seinem Wohnpalais errichteten Galeriebau in einem eigens eingerichteten Glaskabinett aufbewahrte. Ein solches Glaskabinett stellte zur damaligen Zeit eine absolute Rarität dar. Einzig am dänischen Hof in Kopenhagen hatte König Friedrich IV., ein Pate Wilhelms, ein vergleichbares Kabinett einrichten lassen, welches vermutlich Landgraf Wilhelm VIII. als Inspiration und Vorbild für seine eigene Sammlung gedient hatte.

Weitere niederländische Gläser „à la façon de Venise“ (17. Jh.) aus der Sammlung Landgraf Wilhelms VIII.

Weitere niederländische Gläser „à la façon de Venise“ (17. Jh.) aus der Sammlung Landgraf Wilhelms VIII.

Wenn Sie also demnächst ein Weinglas in der Hand halten, denken Sie daran:  erlesene Stücke seiner prächtigen Vorfahren werden in der neuen Dauerausstellung im Hessischen Landesmuseum zu sehen sein.

Mehr über die Bedeutung und das Schicksal des „venedischen Kristallglases“ am landgräflichen Hof in Kassel erfahren Sie im zweiten Teil über die zerbrechlichen Schätze der Sammlung Angewandte Kunst.

 

Autorin: Stefanie Cossalter-Dallmann

 

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