Es ist Reisezeit (II)…

… und gerne erwirbt man währenddessen das eine oder andere Souvenir als Erinnerung an diese schönen Tage. Das war früher nicht anders als heute, auch wenn die Gründe für eine Reise im Mittelalter oder der Frühen Neuzeit nicht vergleichbar mit unseren heutigen Urlaubsreisen waren. So spielten neben den beruflich notwendigen Reisen, etwa von Kaufleuten, Handwerksgesellen oder Schaustellern, vor allem Pilgerreisen zu Orten, die sich durch Reliquien oder Wundererscheinungen auszeichneten, eine wichtige Rolle.

Schon im Mittelalter unternahmen  Menschen aus allen sozialen Schichten Pilgerfahrten. Dabei zählten nicht nur regionale Pilgerstätten wie Marburg, Fulda, Kassel oder Gottsbüren zu den Zielen. In der Hoffnung auf Vergebung der Sünden und Seelenheil nahm man auch die mehrmonatige und teils lebensgefährliche Reise nach Rom, Santiago de Compostela oder sogar nach Jerusalem, als wichtigste Pilgerziele der Christenheit, auf sich. Von diesen Reisen wurden, je nach sozialem Stand und finanziellen Möglichkeiten, als Erinnerung und Bestätigung der erfolgreichen Wallfahrt Pilgerandenken wie etwa Modelle des Grabes Christi oder der Grabeskirche aus Jerusalem mitgebracht.

Modell des Heiligen Grabes in Jerusalem, Mitte 17. Jh. Das zugehörige Gewebeband gibt mit seiner Länge von 189 cm das heilige Längenmaß des Grabes Christi wieder.

Modell des Heiligen Grabes in Jerusalem, Mitte 17. Jh. Das zugehörige Gewebeband gibt mit seiner Länge von 189 cm das heilige Längenmaß des Grabes Christi wieder.

Beliebte Pilgerandenken waren vor allem die sogenannten Pilgerzeichen, Abzeichen in Form von kleinen Plaketten oder Medaillen aus Metall, die an den Wallfahrtsorten verkauft und von den Pilgern an ihrer Kleidung befestigt wurden.

In der Frühen Neuzeit etablierte sich unter den fürstlichen Ständen zudem die Grand Tour oder auch Kavalierstour genannte Reise der Söhne des europäischen Adels durch Mitteleuropa und besonders nach Italien. Sie stellte eine Art Abschluss der Prinzenerziehung und Vorbereitung auf die Regierungsaufgaben dar. Die Reise sollte sowohl der politischen wie kulturellen Bildung dienen, als auch der Verfeinerung der Manieren und dem Knüpfen nützlicher Beziehungen. So besichtigten die jungen Adeligen während ihrer Grand Tour nicht nur die bedeutenden europäischen Kulturstätten, sondern besuchten auch die verschiedenen europäischen Fürstenhöfe. Höhepunkt jeder Kavalierstour war die Reise durch Italien und der Besuch der antiken Stätten, wo durchaus auch das eine oder andere Artefakt als Reiseandenken erworben wurde.

Auch die Landgrafen von Hessen-Kassel unternahmen – wenn auch zumeist erst nach ihrem Regierungsantritt – ausgedehnte Reisen nach Italien. So brach etwa Landgraf Friedrich II. im November 1776 zu einer mehrmonatigen Italienreise auf, die ihn neben Verona, Vicenza, Venedig, Bologna, Florenz, Rom und Neapel auch zu den Ausgrabungen von Pompeji und Herculaneum führte.

Besonders in Rom erwarb der junge Landgraf zahlreiche Kunstwerke, darunter Antiken aber auch zeitgenössische Antikenkopien. Viele dieser Objekte befinden sich noch heute in den Sammlungen der Museumslandschaft Hessen Kassel. So etwa mehrere verkleinerte Nachbildungen berühmter römischer Antiken, welche erst im 16. und 17. Jahrhundert wiederentdeckt und in den großen Sammlungen in Rom, Florenz und Neapel ausgestellt wurden.

Friedrich II. erwarb diese und noch weitere Bronzestatuetten mit dem Zweck, sie im Museum Fridericianum auszustellen und so die Antike auch in Kassel erfahrbar werden zu lassen.

Wenn auch nicht mehr mit dem Ziel klassischer Bildung finden sich doch noch heute durchaus vergleichbare moderne Statuetten in vielen Museumsshops dieser Welt. Sollte Sie Ihr diesjähriger Urlaub aber nicht nach Italien, sondern vielleicht nach Südfrankreich führen, halten Sie doch einmal die Augen offen, ob Sie nicht ganz ähnliche Kämme entdecken wie diejenigen, die Landgraf Moritz 1602 als Souvenir von seiner Frankreichreise aus Carcassone mitbrachte.

Zwei Doppelkämme aus Buchsbaum, Elfenbein, Bein und Seide, um 1600

Zwei Doppelkämme aus Buchsbaum, Elfenbein, Bein und Seide, um 1600

 

Eine erholsame Ferienzeit wünscht das Blog-Team des Hessischen Landesmuseums.

Autorin: Stefanie Cossalter-Dallmann

 

Ein Gedanke zu „Es ist Reisezeit (II)…

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