Es ist Reisezeit (III)…

Nachdem Irina Görner, Leiterin der Sammlung Vor- und Frühgeschichte, bereits der Frage nachgegangen ist, ob es sich beim Reisen um ein neuzeitliches Phänomen handelt und Stefanie Cossalter Ihnen Souvenirs der Pilgerreisen aus dem Mittelalter sowie die Italienreisen der hessischen Landgrafen in der Frühen Neuzeit näher brachte, gibt Martina Lüdicke, Leiterin der Sammlung Volkskunde, Ihnen heute einen kleinen Abriss über Freizeit- und Urlaubsaktivitäten zu Beginn des letzten Jahrhunderts. 

Pack die Badehose ein… Urlaub – die schönste Zeit des Jahres

Die Urlaubszeit gilt als die schönste Zeit des Jahres. Manchen packt das Fernweh, und los geht die Reise mit dem Auto, mit der Bahn oder dem Flugzeug zu nahen oder weit entfernten Zielen. Drei Wochen Urlaub, heißt es, brächten erst die ersehnte Erholung vom Arbeitsalltag.

Freizeit und Vergnügen um 1900

Von soviel frei verfügbarer Zeit konnten die meisten Menschen bis Anfang des 20. Jahrhunderts nur träumen. Zeit für Vergnügungen stand noch im 19. Jahrhundert vor allem an Sonn- und Feiertagen zur Verfügung. Dabei war das Freizeitangebot im Vergleich zum heutigen noch gering: Man ging ins Wirtshaus, besuchte Volksfeste, und für Männer gab es schon die Möglichkeit, einem Verein beizutreten. Abwechslung für Land- und Stadtbewohner brachten zudem Ausflüge in die nähere Umgebung.

Vor allem Stadtbewohner machten bei günstiger Witterung Wanderungen oder Radtouren „ins Grüne“, um die Natur zu genießen. Für die Versorgung wurden picknicktaugliche Utensilien aus dem Haushalt verwendet: Henkelkorb, Tischdecke, Leinenhandtuch und für Getränke eine Flasche aus Steinzeug oder Glas mit Bügelverschluss. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen bruchsichere Aluminium-Feldflaschen in Gebrauch. Aufwendig ausgestattete Picknickkörbe besaß nur das wohlhabende Bürgertum.

Beliebte Anlaufpunkte waren auch Ausflugslokale mit Sitzgelegenheiten im Freien. Die Wirte machten ihr Geschäft mit den Getränken; das Essen durfte mitgebracht und an den Gartentischen verzehrt werden.

Louis Katzenstein, Gartenwirtschaft vor dem Ballhaus im Park Wilhelmshöhe, 1850-1875, Öl auf Leinwand

Louis Katzenstein, Gartenwirtschaft vor dem Ballhaus im Park Wilhelmshöhe, 1850-1875, Öl auf Leinwand

Seit Ende des 19. Jahrhunderts lockten Vergnügungsdampfer auf Fulda und Weser zu Ausflugsfahrten. Die Flüsse luden aber auch zum Baden ein, wobei sich an günstigen Badestellen im Verlauf des 19. Jahrhunderts auch Flussbadeanstalten entwickelten, aus denen später vielerorts Schwimmbäder entstanden.

Urlaub in den 1950er-Jahren

Regelrechte Urlaubsreisen blieben für die meisten Menschen schlicht nicht finanzierbar. Solche kostenintensiven Vergnügungs- und Erholungsreisen waren bis in die 1950er-Jahre noch ein Privileg der wohlhabenden Bürger. Als mit dem Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit nahezu Vollbeschäftigung erreicht war und Lohnerhöhungen den finanziellen Spielraum erweiterten, erfüllten sich viele Bundesbürger schließlich ihren Wunsch nach Erholung und Entspannung auch in entfernten Regionen: So verreisten die Deutschen Ende der 1950er-Jahre so viel wie nie zuvor. Ob ans Meer oder in die Berge, an Adria oder Nordsee, mit dem eigenen PKW oder der Bahn, als Camping- oder Hotelurlaub. Auch die Versandhäuser stellten sich auf die Bedürfnisse wachsender Urlauber ein und boten zum Beispiel alles für den Campingurlaub an.

Übrigens ist „Freizeit“ nach heutigem Verständnis eine relativ junge Entwicklung und eng mit der entstehenden Industriegesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbunden. Erst zu diesem Zeitpunkt fand der Begriff Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch. So unterschieden die Arbeiter in der Fabrik, anders als in Landwirtschaft und Handwerk, deutlich zwischen Arbeits- und Freizeit. Möglich machte dies vor allem die Trennung von Arbeitsplatz und Wohnung, womit schon eine räumliche Unterscheidung von Berufswelt und Freizeitbereich geschaffen wurde. Wirklich nutzbare freie Zeit am Feierabend stand den Industriearbeitern allerdings erst mit der verkürzten Arbeitszeit nach 1918 zur Verfügung. Der Rechtsanspruch auf Urlaub setzte sich erst 1873 durch, zunächst aber nur für Staatsbeamte. Es sollte noch gut hundert Jahre dauern, bis das 1963 eingeführte Bundesurlaubsgesetz schließlich allen Arbeitnehmern 18 Tage bezahlten Urlaub im Jahr sicherte, bezogen auf eine Sechs-Tage-Woche.

Wir wünschen Ihnen weiterhin einen erholsamen Urlaub, eine schöne letzte Ferienwoche und einen verdienten Feierabend!

Autorin: Dr. Martina Lüdicke

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.