Zerbrechliche Schätze (Teil II) – „Venedisches“ Kristallglas aus Kassel

Sand, Kalk und Soda bzw. Pottasche – mehr Bestandteile braucht es kaum um bei ca. 600 °C die rotglühende Glasmasse entstehen zu lassen, aus der kundige Hände die fragilsten Kunstwerke zu formen verstehen. Doch der Weg vom frühen grünen Waldglas bis zum begehrten, klar durchsichtigen Weißglas war lang und dessen erfolgreiche Herstellung nicht nur vom Wissen um die Verwendung der entsprechenden Rohstoffe und deren chemische Prozesse abhängig, sondern ebenso von den Fortschritten im Ofenbau und in der Gewinnung von Holzkohle.

Ein sog. Daumenglas aus Waldglas, 17. Jh., Hessen. Die Einbuchtungen des großen und in gefülltem Zustand recht schweren Glases gaben den Fingern des Trinkers sicheren Halt

Ein sog. Daumenglas aus Waldglas, 17. Jh., Hessen.
Die Einbuchtungen des großen und in gefülltem Zustand recht schweren Glases gaben den Fingern des Trinkers sicheren Halt.

Ein sog. Kuttrolf, Ende 16. Jh. / Anfang 17. Jh., Hessen. Der Kuttrolf ist ein Scherztrinkgefäß. Die gewundenen Röhren machten den Flüssigkeitsaustritt unvorhersehbar, so dass der Trinker stets auf der Hut sein musste.

Ein sog. Kuttrolf, Ende 16. Jh. / Anfang 17. Jh., Hessen.
Der Kuttrolf ist ein Scherztrinkgefäß. Die gewundenen Röhren machten den Flüssigkeitsaustritt unvorhersehbar, so dass der Trinker stets auf der Hut sein musste.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In Hessen gehörte die Herstellung von Waldglas schon früh zu den wichtigsten Kunst- und Handwerkszweigen. Nachdem es 1537 zur Ansiedelung des Gläsnerbundes mit Sitz in Altmünden im Kaufunger Wald gekommen war, entwickelten sich vor allem dieser und der Reinhardswald zu Zentren der hessischen Glasherstellung. So sind allein zwischen 1558 und 1565 im sog. Gemenge des Kaufunger Waldes – ein relativ kleines Gebiet, welches gemeinschaftlich von Hessen-Kassel und dem Herzogtum Braunschweig verwaltet wurde – sechszehn gleichzeitig produzierende Waldglashütten bekannt. In dieser Zeit gehörte Hessen in der Produktion von Waldglas, neben Venedig als Hersteller von edlem Kristallglas, zu den bedeutendsten Glasproduzenten für die Anrainerstaaten der Nord- und Ostsee. Die Produkte der hessischen Glashütten wurden sogar bis nach Holland, Dänemark und Schweden gehandelt.

Die Herstellung farblosen Glases war erst Mitte des 15. Jahrhunderts auf der venezianischen Insel Murano gelungen. Dieses hochwertige, klar durchsichtige und farblose Glas – das sog. crystallo – begründete den Weltruhm des venezianischen Glases. Das Geheimnis der Herstellung dieses an den europäischen Höfen so begehrten Luxusobjekts wurde von Venedig sorgsam geschützt. So war die Auswanderung venezianische Gläsner bei Todesstrafe untersagt. Dennoch kam es schon bald auch außerhalb des venezianischen Hoheitsgebietes zu Gründungen von Glashütten durch venezianische Glasmacher, zunächst vor allem in Flandern und Holland.[1]

Auch Wilhelm IV. von Hessen-Kassel (1532–1592) bemühte sich, italienische Glasmacher nach Kassel zu berufen, um das begehrte venezianische Kristallglas im eigenen Land herstellen zu können. Aufgrund des Ausreiseverbots für Glasmacher aus Venedig war ihre Rekrutierung jedoch nur über Umwegen möglich. Erst 1583 gelang dem Landgrafen Franzisco Warisco aus Dänemark, Tiberio Frizer aus den Niederlanden und die Brüder Gregorio und Francisco Bellesino aus England und Antwerpen für die „Chrystallinglashütte“ in Kassel anzuwerben. Noch im Juni desselben Jahres begannen die italienischen Glasmacher in der Glashütte im „Weißen Hof“ mit der Produktion, doch bereits ein knappes Jahr später musste die Hütte den Betrieb wegen Unrentabilität einstellen. Zu hoch waren die Kosten für die benötigten Rohstoffe, die teuer aus dem Ausland eingekauft werden mussten, zu aufwendig war die Herstellung der feinen dünnwandigen Glaswaren, zu schleppend der Verkauf der hochpreisigen Luxusgüter. Die Qualität dieser hessischen Gläser „à la façon de Venice“ muss jedoch hervorragend gewesen sein. So schreibt etwa der Bruder Wilhelms IV., Landgraf Ludwig IV. von Hessen-Marburg, er habe „auch zwischen solchen und Venedischen Glesern keinen unterschiedt“ befinden können. Noch heute haben sich in der Sammlung der Angewandten Kunst kostbare Beispiele dieser „venedischen“ Glaskunst aus Kassel erhalten. So die Fadengläser des venezianischen Glasmachers Francisco Warisco, die Landgraf Wilhelm IV. in den unveräußerlichen Hausschatz aufnahm.

Drei Fadengläser des italienischen Glasmachers Franzisco Warisco,  hergestellt 1583/1584 in der Cristallinglashütte im „Weißen Hof“ in Kassel.

Drei Fadengläser des italienischen Glasmachers Franzisco Warisco,
hergestellt 1583/1584 in der Cristallinglashütte im „Weißen Hof“ in Kassel, die in der neuen Dauerausstellung des Hessischen Landesmuseum zu bewundern sein werden.

Nach der Schließung der Kristallglashütte im Weißen Hof verließ mit den italienischen Glasmachern jedoch auch das Wissen um die Kunst der Kristallglasherstellung und -veredelung die Landgrafschaft Hessen-Kassel und sollte erst zehn Jahre später mit dem böhmischen Glasmacher Peter Hüttel endgültig nach Kassel zurückkehren.

Autorin: Stefanie Cossalter-Dallmann

 


[1] Wer mehr über die Gründung venezianischer Glashütten außerhalb von Venedig und deren Glasproduktion erfahren möchte, sei an dieser Stelle an den Blogbeitrag vom 17. Juli 2015 verwiesen.

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