Die Rheinfelstafel

Detail der Rheinfelstafel

Detail der Rheinfelstafel

Eine der bekanntesten Pietra-dura-Arbeiten der Kasseler Steinschneidewerkstätten des 18. Jahrhunderts ist die so genannte „Rheinfelstafel“, ein aus Steinen zusammengesetztes Bild mit Abmessungen von 1,91 x 1,41 m und einem Gewicht von etwa 450 kg. Pietra-dura (ital. „harter Stein“), auch Florentiner Mosaik genannt, bezeichnet im Kunsthandwerk die Technik, Bilder und Ornamente aus zurecht geschliffenen Intarsien zu legen. Das Werk gehört heute zur Sammlung Angewandte Kunst und ist bald wieder in der neuen Dauerausstellung des Hessischen Landesmuseums in Kassel zu sehen.

Hintergrund und Entstehung

Als Landgraf Carl in den späten 1690er Jahren eine Italienreise unternahm, kam er nach Florenz und war von einem Besuch der dortigen Steinschneidewerkstätten so beeindruckt, dass er sich zur Anwerbung des Pietra-dura-Künstlers Francesco Mugniai entschloss. Die Florentiner Werkstätten gehörten damals zu den Besten ihrer Art, und da die Steinschneidekunst zu Carls Zeiten eines der prestigeträchtigsten Kunsthandwerke war, war es für ihn ein „Muss“, solch eine Steinschneidewerkstatt auch in Kassel zu betreiben. Das ungewöhnliche an der Rheinfelstafel ist, dass mehr als 80 Jahre lang an ihr gearbeitet wurde. Angefangen hatte der aus Florenz geholte Mugniai im Jahr 1701. Nach seinem Tod im Jahr 1710 setzten Johann Homagius und andere seine Arbeit fort. Letzter Bearbeiter der Tafel war der Steinschneider Peter Hesse, damals bereits unter der Regierung von Carls Enkel, Landgraf Friedrich II.

Leider wurde die Rheinfelstafel nie ganz fertiggestellt – und das, obwohl mehrere Generationen von Steinschneidern an ihr gearbeitet haben. So blieben zum Beispiel die vier Eckreserven frei, die ursprünglich möglicherweise für die Portraits von Friedrich II. und seinen drei Vorgängern (Carl, Wilhelm VIII. und Friedrich I.) vorgesehen waren.

Was zu sehen ist

Die Rheinfelstafel zeigt die Festung Rheinfels auf dem linksrheinischen Bergrücken über Sankt Goar. Über dem dunklen, bewegten Wasser des Rheins erhebt sich die befestigte Stadt und – weiter darüber auf einem Sporn – die Festung, von einem düsteren Himmel umwölkt. Um die Landschaftsdarstellung herum ranken sich Blumen, plastisch ausgearbeitete Füllhörner mit Früchten und Vögel. Ein Postament im Vordergrund zeigt die geharnischte und von zwei Löwen begleitete Kriegsgöttin Bellona mit Lanze. Den oberen Abschluss der Tafel bildet eine Kartusche mit Kriegsarmaturen und Fahnen hessischer Kriegsregimenter.

Die Rheinfelstafel

Die Rheinfelstafel, Gesamtansicht

Die Kriegssymbolik macht deutlich, dass es sich hier um mehr als nur um eine gefällige Landschaftsdarstellung handelt. Tatsächlich schaut der Betrachter auf einen für die Landgrafschaft lange Zeit bedeutsamen militärischen Brückenkopf in den umkämpften Rheingebieten.

Beschwerliche Materialbeschaffung

Detail der Rheinfelstafel

Detail der Rheinfelstafel

Beschwerlicher als gedacht war die Beschaffung der Rohmaterialien für die Rheinfelstafel. Verwendet wurden zum Beispiel Chalcedon, Jaspis, Onyx, Amethyst und Lapislazuli. Anfangs kümmerte sich Mugniai selber um die Beschaffung der Steine. Allerdings reichte das Material für das groß angelegte Projekt bald nicht mehr aus. Carls Hoffnung, die Platte überwiegend aus einheimischen Steinen herstellen lassen zu können, ging leider nicht auf. Zwar schickte er Mugniai auf mehrere Erkundungstouren durch Hessen, um geeignete Vorkommen zu finden; diese Reisen blieben aber ohne Erfolg. In der Kasseler Werkstatt kam es daher auch immer wieder zu längeren Arbeitsunterbrechungen, während man auf Steinlieferungen aus Böhmen, Italien oder sogar Island wartete.

Über 80 Jahre….

Detail der Rheinfelstafel

Detail der Rheinfelstafel

Dass die Platte auch nach etwas mehr als acht Jahrzehnten noch nicht fertig war, mag mehrere Gründe haben. Anders als Friedrich II. sparte sein Nachfolger Wilhelm IX. an den staatlichen Manufakturen. Womöglich war ihm die Arbeit an der Steinplatte zu teuer geworden. Etwas aus der Mode gekommen, mochte die Steinschneidekunst zu Wilhelms Zeit auch nicht mehr zu den prestigeträchtigsten Künsten gehört haben. Spätestens mit der Zerstörung der Festung Rheinfels im Jahr 1797 durch die Franzosen wurde das – nun nicht mehr gut vorzeigbare – Projekt vollends aufgegeben.

Vor dem Hintergrund ihrer langen und wechselhaften Geschichte werden zahlreiche handwerkliche und materialbezogene Inhomogenitäten der Rheinfelstafel verständlich. Die unterschiedlichen Handschriften der Kunsthandwerker, auffällige Qualitätsunterschiede, offensichtlicher Materialmangel und das Schwinden der politischen und symbolischen Bedeutung des Motivs – all das ist an ihr ablesbar.

Restaurierung

Vermutlich im 20. Jahrhundert wurde die Rheinfelstafel großzügig mit Kittungen versehen und mit Ölfarbe übermalt, und zwar so, dass große Teile der Originaloberfläche des Himmels abgedeckt waren. Diese Altrestaurierung galt es wieder zu entfernen, damit das ursprüngliche Erscheinungsbild der Rheinfelstafel erkennbar wird – mit all ihren Stärken und Schwächen, den besseren und den weniger gut gelungenen Stellen. Dazu wurden die Fugen freigelegt und mit Aquarellfarbe retuschiert; die Steinintarsien wurden von Ölfarbe und Schmutz befreit.

Autorin: Barbara Häcker

P.s. Einen kleinen Einblick in die Restaurierungsarbeiten an der Rheinfelstafel bekommen Sie in einem Beitrag in der Hessenschau vom 9. Juli 2015, der über die Instandsetzung und Neukonzeption des Hessischen Landesmuseums in Kassel berichtet. Das vollständig restaurierte Original können Sie dann bald in der neuen Dauerausstellung des Landesmuseums sehen. Hier wird die Rheinfelstafel zusammen mit anderen Werken der Kasseler Hofkunst präsentiert.

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