„Wo ist das Rezept geblieben von den Plätzchen, die wir lieben?“

Reese-Rezeptheft aus den 1950er-/1960er-Jahren

Reese-Rezeptheft aus den 1950er-/1960er-Jahren

Diese Textzeile ist dem bekannten Lied von Rolf Zuckowski „In der Weihnachtsbäckerei“ entnommen. Obwohl Lebkuchen, Dominosteine und Spekulatius bereits ab Ende August in den Supermärkten zu kaufen sind, kommt die richtige Lust auf weihnachtliches Naschwerk doch erst mit den passenden, kühlen Temperaturen auf. Und wie jedes Jahr steht man vor der Qual der Wahl: das Angebot in den Geschäften ist riesig. Dann doch lieber selber backen! Dafür werfen wir heute einen Blick in Rezepthefte aus den 1950er-/1960er-Jahren.Die Rezepthefte stammen alle von einer Schenkerin aus Obervellmar, Kreis Kassel. Die Firma Reese, in Hameln ansässig, wurde bereits 1912 als Marke von Dr. Oetker übernommen. Die drei Rezepthefte sind speziell auf die Weihnachtsbäckerei ausgerichtet. Die Motive auf dem Deckblatt –Nikolaus, Tannenzweige, ein Lebkuchenhaus, diverse Plätzchen, Obst und Nüsse – verweisen auf die weihnachtlichen Rezepte, die auf den folgenden drei Seiten zu finden sind.

Jedes Heft beginnt mit einer Ansprache an die Leser. Aus dem Inhalt lässt sich erahnen, dass die Herausgeber wohl mit einer Leserin rechnen, nicht untypisch für die 1950er-Jahre, in denen noch eine traditionelle Rollenverteilung innerhalb der Familie vorherrschte. In einem der Hefte (Abb. 1) wird die Erwartung an eine weibliche Leserschaft besonders deutlich. Hier heißt es „Für Frauen, die mit Liebe kochen!“, habe der Reese-Rezept-Dienst Weihnachtsrezepte zusammengestellt, „damit Sie Ihrer Familie eine rechte Festfreude bereiten können.“ In einem anderen Heft (Abb. 3) heißt es weiter „In jedem Jahr muß die fleißige Hausfrau große Vorräte an Kuchen und Gebäck herstellen, damit sich ihre Lieben unter dem Lichterbaum daran erfreuen können.“ Und dank des „treuen Beraters“, dem Reese-Rezeptdienst und den Reese-Gutscheinen, habe sich „so manche Hausfrau (…) auf diese Weise einen netten Zuschuß zum Weihnachtsgeld ersparen könne[n].“ Die Rollen scheinen also festgelegt. Die Mutter und Hausfrau backt gemeinsam mit „den kleinen Leckermäulern“, damit hinterher alle zufrieden und glücklich gemeinsam Weihnachten feiern können.

Die Gestaltung der drei Hefte ist ähnlich. Nach der Ansprache des Reese-Rezeptdienstes mit den besten Wünschen für ein frohes Weihnachtsfest und ein glückliches neues Jahr folgen fünf bis sechs Rezepte. Hier bedient Reese die Klassiker unter dem Weihnachtsgebäck: Honigkuchen, Spekulatius, Pfeffernüsse, Früchtebrot und Lebkuchen. Den Rand neben den Rezepten schmücken Zeichnungen mit weihnachtlichen Motiven. Als Zutaten sollen natürlich vornehmlich Reese-Produkte verwendet werden: Reese-Vanillinzucker, Reese-Rum-Aroma oder Reese-Backwunder.

Apropos: Wussten Sie, dass die Erfindung von „Backwunder“ bzw. Backpulver zu wesentlichen Teilen in Hessen stattfand? Der Chemiker Justus Liebig war maßgeblich daran beteiligt, dass das weiße Pulver heute wie selbstverständlich zum Backen verwendet werden kann. Er beauftragte einen seiner Studenten, Norton Horsford, 1844 damit, ein Treibmittel zum Brotbacken zu entwickeln. Dieses verkaufte Horsford, inzwischen zurück in Amerika und Professor in Harvard, als yeast powder („Hefepulver“). Doch Liebig war es, der es in Deutschland weiterentwickelte, zunächst aber nicht gerade auf Zuspruch bei den hiesigen Bäckern traf. Letztendlich verdanken wir es Dr. August Oetker, damals noch ein junger Apotheker in Bielefeld, der durch weitere Forschungen das Backpulver neutraler im Geschmack und länger lagerfähig machte. Zudem kam er auf die Idee, das Pulver portionsweise in die praktischen kleinen Tüten abzupacken, die wir heute noch benutzen.[1]

Auf der letzten Seite der Heftchen wird jeweils auf weitere Rezepthefte oder gar ein Reese-Rezeptbuch, welches günstig erworben werden konnte, verwiesen. Auch hier taucht der Slogan „Für Frauen, die mit Liebe kochen!“ auf.

Autorin: Almuth Kölsch



[1] Vgl. Stahl, Hans-Jürgen; Judel, Günther Klaus: „Justus Liebig und der Hunger – Backpulver – „Eine neue Methode der Brodbereitung““. In: Spiegel der Forschung 22 (2005) Nr. 1/2, S. 38-43.

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