In Form geschlagen – von frühen Steingeräten

Gerätschaften aus zurechtgeschlagenem Stein sind die ältesten Werkzeuge des Menschen. Sie bestehen meist aus Feuerstein oder anderem glasartig brechendem Material, und tauchen erstmals vor mehr als 2 Millionen Jahren in Afrika auf. In unserem Raum datieren die ältesten Steingeräte gesichert in die Zeit des homo heidelbergensis vor spätestens 300.000 Jahren. Der moderne Mensch – homo sapiens – war damals noch längst nicht in Mitteleuropa erschienen, noch nicht einmal der Neandertaler …

Bei den ältesten Steingeräten handelt es sich um so genannte Chopper oder Chopping Tools – einfache, mit wenigen Schlägen zugehauene Flussgerölle. Da ähnliche Stücke auch durch natürliche Prozesse entstehen können – etwa durch Frostsprengungen oder beim Flusstransport –, ist ihre Ansprache nicht immer gesichert. Klare Belege datieren in Hessen immerhin in die Zeit des homo heidelbergensis. Sie stammen von Münzenberg im Wetteraukreis und sind mindestens 300.000 Jahre alt.

Der Neandertaler entwickelt sich in Mitteleuropa vor etwa 100.000 Jahren. Er stellt bereits formschöne Faustkeile und andere sorgfältig gearbeitete Steingeräte her. Typisch für seine Zeit sind so genannte Keilmesser: Stücke mit keilförmigem Querschnitt, deren Schneide mit gezielten, an der Spitze ansetzenden Schlägen mehrfach nachgeschärft werden konnte. Gute Beispiele stammen von einem Neandertalerlagerplatz bei Buhlen im Kreis Waldeck-Frankenberg.

Vor etwa 40.000 Jahren wandert der in Afrika entstandene moderne Mensch in Mitteleuropa ein. Langschmale Abschläge – so genannte Klingen – bilden nun die Grundform der meisten Steingeräte. Die Klingen werden mit viel Geschick von Steinkernen abgeschlagen. Anschließend verarbeitet man sie zu Spezialgeräten weiter, zum Beispiel zu Spitzen oder Schabern.

Vom Beginn unserer heutigen Warmzeit, von etwa 9600 bis 5500 v. Chr., stammen besonders kleine Steingeräte. Sie sind kaum mehr fingernagelgroß, bilden in Reihe gesetzt aber wirksame Schneiden. Montiert werden diese so genannten Mikrolithen an hölzernen Schäften von Pfeilen oder Speeren, vielleicht auch an messerartigen Geräten.

Von der Zeit der ersten Bauern um 5500 v. Chr. bis weit in die Metallzeiten hinein gehören dann vor allem steinerne Klingen und Pfeilspitzen zum archäologischen Inventar. Ihren Höhepunkt erreicht die Steinschlagtechnik aber im nordischen Spätneolithikum – in Nordhessen etwa entsprechend der Frühbronzezeit zwischen 2200 und 1600 v. Chr. Ausgesprochen fein gearbeitete Feuersteindolche stammen aus dieser Zeit. Einige davon gelangen auch nach Nordhessen – sicher als Import, da geeignetes Rohmaterial für so feine Arbeiten hier nicht zu finden war.

Steingeräte begleiten uns also schon seit vielen tausend Jahren. Vieles war Alltagsgerät und, je nach Bedarf, rasch zurechtgeschlagen. Die Herstellung der spätneolithischen Feuersteindolche beherrschte dagegen sicher nicht jeder. In der Bronze- und Eisenzeit nimmt die Bedeutung des Steinschlagens immer mehr ab. Und so finden wir die Zeugnisse der alten Technik heute hauptsächlich in Museen. Zu den wenigen ‚Überlebenden‘ gehören die in der Neuzeit gebräuchlichen, zum Zünden von Feuerwaffen verwendeten Flintensteine.

Literatur:

  • Lutz Fiedler, Jäger und Sammler der Frühzeit. Alt- und Mittelsteinzeit in Nordhessen. Vor- und Frühgeschichte im Hessischen Landesmuseum in Kassel. Heft 1 [2. Auflage] (Kassel 1997).
  • Harald Floss (Hrsg.), Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit (Tübingen 2013).

 

Autor: Andreas Sattler

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