Dem Blaufärber über die Schulter geschaut

Wer kennt heute noch Löffelschnitzer, Kötzenmacher und Gelbgießer? Und was hat eigentlich ein Blaufärber genau gemacht? Eine Reise in vergangene Arbeitswelten alter Handwerke bietet die neue Dauerausstellung des Hessischen Landesmuseums. Berufe, die bis ins 19. Jahrhundert in vielen Werkstätten Nordhessens ausgeübt wurden, sind nicht nur ein Teil unserer regionalen Geschichte, sie lassen uns auch verstehen, wie abgekoppelt wir heute vom Entstehen vieler unserer Gebrauchsgegenstände sind. Blicken wir einmal in eine Blaufärberwerkstatt von damals.

vk92692-aus Privatbesitz-Rock, Schuerze uGuertelband

Schwälmer Tracht eines jungen Mädchens.
Der Stoff von Rock und Schürze
wurde in Handarbeit blau und schwarz gefärbt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bis ein Stoff leuchtend blau gefärbt oder auch mit Blaudruck verziert war, waren mehrere langwierige Arbeitsschritte nötig – und auch das ein oder andere Geheimrezept, das die Färber für die Zubereitung der Farbe hegten. Bis Ende des 19. Jahrhunderts mussten zunächst die Indigostücke mit Mörser und Stößel zermahlen werden. Indigo hatte frühere Farbstoffe wie den Färberwaid für blaue Farbe abgelöst, da die Indigopflanze die 30fache Farbstoffmenge und dunklere Farbergebnisse lieferte.

Färber Heinrich Spohr nutzte zum Färben der Stoffe einen großen Kupferkessel, die sogenannte Küpe. Je nach Faser und gewünschter Farbe gab es verschiedene Vorgehensweisen. Für Blau wurde eine kalte Küpe angesetzt, für Schwarz eine heiße. Tierische Fasern wurden heiß gefärbt, pflanzliche Fasern kalt. Stoffe, die Bestandteile beider Faserarten hatten, also beispielsweise aus Schafswolle und Flachs bestanden, mussten zweimal gefärbt werden: einmal heiß und einmal kalt. Um die feuchten Stoffbahnen zu färben, wurden sie in einen Sternreif oder Reifkranz gesteckt und in die Küpe getaucht. Die Prozedur des Färbens konnte je nach gewünschter Farbtiefe mehrere Tage dauern.

Der Stoff für Dunkelblau musste beispielsweise während des Färbevorgangs zehn bis 16 Mal aus der sogenannten Farbflotte herausgezogen werden, damit er an der Luft oxidieren konnte. Die leuchtend blaue Färbung entstand erst durch diesen chemischen Prozess. Die erste Färbephase dauerte eine ganze Nacht. Bei den weiteren Farbbädern wurde der Stoff im Stundentakt eingetaucht und der Luft ausgesetzt. Nach zwei bis drei Tagen konnte er ausgespült werden, zunächst in einem Gemisch aus Wasser und Schwefelsäure und anschließend in klarem Wasser, meist in einem fließenden Bach. Nach dem Trocknen musste der Stoff noch in einer Walzmangel gemangelt und gepresst werden. Bei Bedarf wurde er noch geglänzt.

Ein weiteres Verfahren, schlichtes Leinen zu verschönern, war der Blaudruck. Bei diesem sogenannten Reservedruckverfahren entsteht ein weißes Muster auf blauem Grund. Die Methode war weniger aufwendig als ein Muster in einen Stoff einzuweben oder ihn zu besticken. Das gewünschte Muster war erhaben aus einem Druckmodel herausgeschnitten. Das Model, das meist aus Birkenholz gefertigt war, wurde mit einer farbabweisenden Masse, dem so genannten Papp, bestrichen. Danach wurde es fest auf den Stoff gedrückt und nacheinander im Rapport mithilfe von Markierungspunkten erneut angesetzt. Für das Bedrucken der Mitte und der Ecken oder für die Randborten gab es verschieden geformte Druckstöcke.

Wenn der Papp getrocknet war, kam die blaue Farbe ins Spiel. Beim Färben behielten die farbabweisenden Stellen mit dem Druckpapp die ursprüngliche helle Farbe des Stoffes. War die Farbe getrocknet, legte man den Blaudruck in mit Schwefelsäure versetztes Wasser, um den Papp zu lösen. Danach wurde der Stoff unter fließendem Wasser ausgewaschen, gestärkt und getrocknet. Nun konnte er gemangelt und gegebenenfalls geglänzt werden.

Beim Glänzen wurden Stoffe wie etwa die schwarzen Röcke der Schwälmer Tracht noch weiter veredelt. Mit einem Glänzstein aus Achat, der an einer langen Stange von der Decke hing, wurde der Stoff bearbeitet. Auf dem Tisch lag ein Eichenholzbrett mit zwei Rillen, auf dem der Stoff ausgebreitet war. Der Färber oder Blaudrucker führte den Glänzstein nun auf dem Stoff in den beiden Rillen hin und her, bis er geglänzt war.

Zu beliebten Motiven des Blaudrucks gehörten etwa der Lebensbaum und die Taube, geometrische Muster oder Pflanzen wie Tulpe, Nelke, Granatapfel und Blattranken. Darstellungen von der Auferstehung Christi oder der Wilden Jagd, einer europäischen Volkssage, zieren vornehmlich Tischdecken.

Bettbezüge und Vorhänge, aber auch Schürzen und Tücher aus Leinen oder Baumwolle wurden mit der Blaudrucktechnik gestaltet. Gefärbt wurde nicht nur mit blauer Farbe, woraus dann das typische Blau-Weiß-Muster entstand. Es gab auch Drucke in Hellblau und Grün. Heute werden von Hand gefertigte Blaudrucke im Kunsthandwerk angeboten.

Autorin: Elisa Schubert

 

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