Verschlusssache – Nadeln aus der Bronzezeit

Ob zum Nähen, Stricken, Häkeln oder Heften – Nadeln bringen wir heute gewöhnlich mit Textilarbeiten in Zusammenhang. In der Archäologie steht der Begriff „Nadel“ dagegen meist für Gegenstände zum Verschließen von Kleidern oder zum Befestigen von Hauben oder Haaren – Aufgaben, die heute in der Regel Reißverschlüsse, Knöpfe, Haargummis oder Haarspangen übernehmen. Vor allem in der Bronzezeit (2200 bis 800 v. Chr.) sind solche Schmucknadeln in großer Zahl und Formenvielfalt belegt.

Brillennadel von Haina, Kreis Waldeck-Frankenberg.

Brillennadel von Haina, Kreis Waldeck-Frankenberg.

Der größte Teil der vorgeschichtlichen Schmucknadeln stammt aus Gräbern. Bei Brandbestattungen – charakteristisch insbesondere für die Spätbronzezeit (1200 bis 800 v. Chr.) –, bleibt die Tragweise der Stücke unbekannt. Anders bei Körperbestattungen, bei denen die Nadeln anscheinend im Zusammenhang der Tracht mit in die Gräber kamen. So lässt sich für die Mittelbronzezeit Hessens (1500 bis 1200 v. Chr.) feststellen, dass Radnadeln überwiegend im Bereich des Oberkörpers, Brillennadeln dagegen meist am Schädel und im Bereich der Schulter lagen. Erstere dürften daher vor allem als Gewandschließen, letztere vorwiegend zum Feststecken der Frisur, eines Kopftuches oder einer anderen Kopfbedeckung verwendet worden sein.

Die Radnadeln verdanken ihren Namen der an Räder erinnernden Form ihrer Köpfe. Das Foto zeigt Beispiele von verschiedenen nord- und osthessischen Fundstellen.

Die Radnadeln verdanken ihren Namen der an Räder erinnernden Form ihrer Köpfe. Das Foto zeigt Beispiele von verschiedenen nord- und osthessischen Fundstellen.

Brillennadeln von verschiedenen nord- und osthessischen Fundstellen.

Brillennadeln von verschiedenen nord- und osthessischen Fundstellen.

Wie die Nadeln genau im Gewand oder Haar befestigt waren, ist heute schwer zu sagen. Denn Kleidungs- oder Schmuckbestandteile aus organischem Material – Leder, Bänder, Schnüre – sind in der Regel längst vergangen. Viele Nadeln tragen am Kopf oder Schaft aber ein kleines Loch, das vermutlich zur Aufnahme eines Sicherungsfadens diente. In günstigen Fällen haben sich Reste solcher Sicherungsfäden tatsächlich auch erhalten. Bei dichten Geweben und vorsichtiger Tragweise können die Nadeln aber auch ohne zusätzliche Sicherung genug Halt im Gewand gefunden haben.

Schräg durchlochte Kugelkopfnadel von Liebenau-Haueda, Kreis Kassel. Das Loch im Nadelkopf war wohl zur Aufnahme eines Sicherungsfadens vorgesehen.

Schräg durchlochte Kugelkopfnadel von Liebenau-Haueda, Kreis Kassel. Das Loch im Nadelkopf war wohl zur Aufnahme eines Sicherungsfadens vorgesehen.

Neben ihrer praktischen Funktion haben die Schmucknadeln sicher auch Botschaften über ihre Trägerinnen und Träger vermittelt – ganz ähnlich, wie die Bestandteile der neuzeitlichen Tracht. So fällt auf, dass die erwähnten Rad- und Brillennadeln in Nord- und Osthessen oft mit Armschmuck (Armspiralen, Armbändern) und Halsketten in Gräbern kombiniert gefunden werden, so genannte Petschaftkopfnadeln dagegen mit Waffen und Werkzeugen. Vor diesem Hintergrund spricht man gemeinhin auch von weiblichen und männlichen Ausstattungsmustern und nimmt an, dass die Rad- und Brillennadeln zur Tracht von Frauen, die Petschaftkopfnadeln dagegen zu der von Männern gehörten.

Beigaben eines Frauengrabes aus einem Grabhügel von Unterbimbach, Kreis Fulda.

Beigaben eines Frauengrabes aus einem Grabhügel von Unterbimbach, Kreis Fulda.

Beigaben eines Männergrabes aus einem Grabhügel von Unterbimbach, Kreis Fulda. Beim vierten Stück von links in der oberen Reihe handelt es sich um eine Petschaftkopfnadel.

Beigaben eines Männergrabes aus einem Grabhügel von Unterbimbach, Kreis Fulda. Beim vierten Stück von links in der oberen Reihe handelt es sich um eine Petschaftkopfnadel.

Im weiteren zeitlichen Rahmen betrachtet sind Schmucknadeln – zunächst noch aus Knochen oder Geweih hergestellt – ab dem Ende der Jungsteinzeit um etwa 2800 v. Chr. belegt. Aus Bronze gefertigt treten sie in der Bronzezeit ab 2200 v. Chr., aus Bronze und Eisen in der älteren Eisenzeit von 800 bis 500 v. Chr. auf. Danach werden sie weitgehend durch Fibeln ersetzt – eine Art vorgeschichtlicher Sicherheitsnadel, die gegenüber der einfachen Nadelform den Vorteil einer Sicherung der Nadelspitze bot. Ein frühes Beispiel aus Nordhessen stammt von einem Hügelgräberfeld von Lembach im Schwalm-Eder-Kreis. An derselben Fundstelle wurde auch eine bemerkenswerte Scheibennadel aus Eisen mit Goldblechauflage gefunden.

Fibel der älteren Eisenzeit von Lembach, Schwalm-Eder-Kreis. Im Bild links eine Schmucknadel mit Goldblechauflage von derselben Fundstelle.

Fibel der älteren Eisenzeit von Lembach, Schwalm-Eder-Kreis. Im Bild links eine eiserne Schmucknadel mit Goldblechauflage von derselben Fundstelle.

Drei Fibeln der jüngeren Eisenzeit von der Altenburg bei Niedenstein, Schwalm-Eder-Kreis. Die Stücke erinnern stark an heutige Sicherheitsnadeln.

Drei Fibeln der jüngeren Eisenzeit von der Altenburg bei Niedenstein, Schwalm-Eder-Kreis. Die Stücke erinnern stark an heutige Sicherheitsnadeln.

Natürlich werden die Themen Tracht und Bekleidung auch Gegenstand der neuen Dauerausstellung im Hessischen Landesmuseum in Kassel sein. Wir freuen uns unter anderem auf eine Reise durch die Geschichte der alltäglichen Dinge, und zwar von den Anfängen der menschlichen Kultur bis in die jüngste Zeit.

Literatur:

  • Irina Görner, Bestattungssitten der Hügelgräberbronzezeit in Nord- und Osthessen. Marburger Studien zur Vor- und Frühgeschichte 20, Rahden/Westf. 2002.
  • Ronald Heynowski, Nadeln. Erkennen, Bestimmen, Beschreiben. Bestimmungsbuch Archäologie 3, München 2014.
  • Walter Ruckdeschel, Mit Nadel und Faden, in: Bayerische Vorgeschichtsblätter 75, 2010, S. 9–40.
  • Gesine Weber, Händler, Krieger, Bronzegießer. Bronzezeit in Nordhessen. Vor- und Frühgeschichte im Hessischen Landesmuseum in Kassel 3, Kassel 1992.

Autor: Andreas Sattler

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.