Wohin mit all dem Stroh?

Wer derzeit über Land fährt, erfreut sich an weiten, goldgelben Kornfeldern. Teils wird schon geerntet, und große gerollte Strohballen liegen auf den Fluren. Verwendet wird das Stroh heute vorwiegend in der Landwirtschaft. Doch im frühen 18. Jahrhundert lieferte es das Ausgangsmaterial für virtuose Kunstwerke, wie sie sich noch heute in der Sammlung Angewandte Kunst erhalten haben. Ein Brettspielkasten, zwei Würfelbecher, zahlreiche Spielkarten, Spielmarken und selbst Würfel – sie alle besitzen Oberflächen aus raffiniert zusammengesetzten und eingefärbten Strohhalmen! Im neuen Hessischen Landesmuseum in Kassel werden diese Raritäten erstmals wieder ausgestellt werden.

Carl Hinrich Hering, Spiele mit Strohauflagen, Braubach am Rhein, 1724.

Carl Hinrich Hering, Spiele mit Strohauflagen, Braubach am Rhein, 1724.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Meister in der Herstellung solcher Strohmosaike war der Lübecker Strohintarsiator Carl Hinrich Hering (nachweisbar zwischen 1694 und 1728). Das prachtvolle Kasseler Spielbrett für Schach, Mühle und Tricktrack (Backgammon), dessen Bildfelder Bauern beim Boulle-Spielen und beim Bogenschießen zeigen, trägt seine Signatur und ist auf das Jahr 1724 datiert. Hering fertigte die Bauern-Szenen und die gesamte Oberfläche aus gefärbten und zu Bildern zusammengesetzten Halmen. Dabei folgte er vermutlich den Rezepturen und Anleitungen, wie sie Traktate aus dem frühen 18. Jahrhundert bis heute überliefern.

Demnach trocknete und färbte man das Stroh aus Weizen, Roggen, Hafer oder Gerste in einem aufwendigen Verfahren. Als Bleichmittel diente Schwefel, gefärbt wurde das Stroh mit Rotholz, Gelbwurzel oder Brombeeren. Anschließend wurde es aufgeschlitzt und gepresst. Die so vorbereiteten flachen, farbigen Halme wurden auf Papier geklebt, geglättet und zum Teil schon zugeschnitten. Diese Stroh-Papier-Platten leimte man entweder direkt auf den Holzkorpus, wo sie zu Bildmotiven kombiniert werden konnten. Oder man nutzte eine große Stroh-Papier-Platte als Hintergrund und setzte dort weitere kleinteiligere Binnenmosaike ein, wie auf der abgebildeten Spielmarke zu sehen. Abschließend verlieh der Künstler seinen Strohbildern Schatten und Plastizität, indem er feine Parallel- oder Kreuzschraffuren anfertigte, die dann schwarz eingefärbt wurden.

Ein Spielstein mit Strohauflagen. Der Elefant besteht aus einer hellen Strohplatte, die zugeschnitten und in die dunkle Platte des Hintergrunds eingepasst wurde. Am Schluss legte der Künstler die Schraffuren an und färbte sie schwarz ein.

Ein Spielstein mit Strohauflagen. Der Elefant besteht aus einer hellen Strohplatte, die zugeschnitten und in die dunkle Platte des Hintergrunds eingepasst wurde. Am Schluss legte der Künstler die Schraffuren an und färbte sie schwarz ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Landgrafen von Hessen-Kassel besaßen mehrere Kunstwerke aus Strohintarsien. Bereits 1730 werden sie im Nachlassverzeichnis Landgraf Carls von Hessen-Kassel erwähnt, wobei es sich bei den Spiel Carten von Stroharbeit und dem Schachspiel von Stroharbeit ohne Steine um die hier besprochenen Werke handeln dürfte. Wie sehr Landgraf Carl sein „Strohspiel“ geschätzt haben muss, zeigt der damalige Aufbewahrungsort. Er lagerte es direkt neben seinem Schlafzimmer in der sogenannten Garderobe, aus der er es jederzeit hervorholen und verwenden konnte.

Arbeiten aus Strohmarketerie waren im 18. Jahrhundert keineswegs ungewöhnlich, sondern bei fürstlichen Sammlern durchaus beliebt. In den Augen von Zeitgenossen zählten sie zu den Kunstwerken, die in einem idealen Kunst- und Raritätenkabinett vorhanden sein sollten. So reihte  schon der Theoretiker Leonhard Christoph Sturm im Jahr 1707 „Bilder die mit Fleckgen oder Stroh oder dergleichen Dingen ausgelegt sind“ wie Gemälde oder Skulpturen unter die „von der Kunst herrührenden Raritäten“ ein. Sie zählten somit zu den Meisterwerken von Menschenhand, die als „artificialia“ neben den „naturalia“, also den Schöpfungen der Natur, und den „scientifica“, den wissenschaftlichen Instrumenten, in eine gute fürstliche Kunstkammer gehörten.

Autorin: Antje Scherner

Würfelbecher mit Strohauflagen. Die Szene zeigt Amor, der anstelle einer Kanonenkugel ein Herz abschießt. Im Bereich des Himmels ist folgende Inschrift zu lesen: „fleuch hin mein hertz an jenes ziill, wo dich mein sin hin haben will“.

Würfelbecher mit Strohauflagen. Die Szene zeigt Amor, der anstelle einer Kanonenkugel ein Herz abschießt. Im Bereich des Himmels ist folgende Inschrift zu lesen: „fleuch hin mein hertz an jenes ziill, wo dich mein sin hin haben will“.

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