Striche, die es auf den Punkt bringen

Mit wenigen Strichen erweckt Felix Kramer Figuren und Szenerien zum Leben. „Trickfilm-Journalismus“ nennt er das. Und tatsächlich sind seine Filme mehr als bloße Trickfilme oder Cartoons: Es sind „Erklärfilme“ mit einer großen Prise Witz und Humor, die oft komplexe Dinge einfach darstellen und auf den Punkt bringen. Im Moment arbeitet der Student der Kasseler Kunsthochschule an einem Film über das Hessische Landesmuseum, das Ende November in Kassel wieder eröffnet.

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Mammuts schleichen um Höhlen der Steinzeitmenschen, Landgraf Carl wird lebendig und ein Fernsehgerät lässt die 1960er Jahre aufleben: Der neue Film zum Hessischen Landesmuseum verspricht eine Fülle an Themen und eine rasante Zeitreise. Felix Kramer lädt darin zu einer gezeichneten Führung durch das wiedereröffnete Museum ein. „Es werden drei Episoden sein, die sehr unterschiedlich sind, aber doch über einen roten Faden zusammenhängen. Das Landesmuseum bietet so viel Stoff, dass die Arbeit an dem Film schon ein Brocken ist“, sagt Felix Kramer, der vor seinem inneren Auge bereits einen etwa fünfminütigen Film ablaufen sieht. „Gerade die Verdichtung der Geschichte, wenn wir in die jüngste Vergangenheit kommen, ist spannend. In den letzten zwei Jahrhunderten der Menschheitsgeschichte hat sich das Rad der Zeit sehr viel schneller gedreht. Das versuche ich grafisch darzustellen.“ Ein Zeitstrahl und das Ticken einer Eieruhr sollen die enorme Zeitspanne verdeutlichen, die ein Rundgang durch das Haus umfasst.

Doch bevor es an die erste Skizze gehen kann, steht wie bei jedem Filmprojekt die Recherche. „Es ist manchmal schwierig, gerade so große Themengebiete abzustecken. Da zeigt man schließlich nur die Spitze des Eisberges, und man muss genau filtern.“ Dazu steht Felix Kramer in enger Abstimmung mit den drei Sammlungsleiterinnen des Museums. Oft gibt es so viele gute Ideen, dass Felix sich entscheiden muss – „Ich kenne das Sprichwort aus dem Theaterbereich: „Kill your darlings“. Das bedeutet, dass man sich oft von liebgewonnenen Ideen trennen muss. Und dann wird irgendwann die Essenz erst sichtbar.“

Gezeichnet wird nicht auf Papier, sondern über ein Tablet direkt digital. „So habe ich mehr Kontrolle über den Strich und kann schneller korrigieren. Eine Sekunde hat 24 Filmbilder, also Frames. Ich muss insgesamt hunderte von Bildern zeichnen, zum Beispiel für Körper- und Mundbewegungen. Schon allein ein Augenzwinkern braucht sechs bis acht Zeichnungen.“ Um die Bilder an den gesprochenen Text anzupassen, ist es wichtig, dass das Skript zuvor fix und fertig eingesprochen ist. Wenn eine Figur spricht, muss er genau tüfteln: „Ein „A“ oder ein „U“ ist etwa zwei bis drei Frames lang zu sehen und dann folgt schon ein Konsonant“, erklärt Felix, der diese Lippen-Synchronisation selbst zeichnet und nur ungern fertig programmierte Algorithmen nutzt. „Insgesamt ist so ein Film eine sehr technische Arbeit“, betont er. Der künstlerische Kreativpart nehme etwa ein Drittel ein, zwei Drittel seien Handwerk. „Ich arbeite mit vielen Programmen, muss animieren, sampeln und schneiden. Ich bin kein Informatiker, aber manchmal fühle ich mich so“, sagt der 29-Jährige schmunzelnd.

Dabei ist Felix ursprünglich schon über das Zeichnen zum Trickfilm gekommen. Bereits in der Grundschule hat er gerne gezeichnet und sein Talent entwickelt. Erst später im Studium jedoch hat er sich darauf rückbesonnen, wie wirkungsvoll simple Zeichnungen sein können. „Bei diesen einfachen Darstellungen muss ein Strich an sich schon so spannend sein, dass man die Bilder liebgewinnt, obwohl oder gerade weil sie nicht perfekt oder naturgetreu sind.“ Diese Kunst beherrscht Felix Kramer unserer Meinung nach mittlerweile meisterhaft, und so konnte er für die MHK bereits den  Maler Cranach und die Figur des Herkules zu kleinen Tickfilmhelden werden lassen.

Doch Felix Kramer gesteht: „Schreiben und Sprechen machen mir ehrlich gesagt noch mehr Spaß als das Zeichnen.“ Er hat eine Schauspielausbildung mit Sprechtraining absolviert und liebt es, mit der Stimme zu spielen. Doch der Landesmuseum-Film wird in dieser Hinsicht eine neue Herausforderung sein: Erstmals treten so viele Figuren auf, dass er sie nicht alle alleine einsprechen kann. Für Landgraf Carl hat er schon einen Kollegen im Kopf, der zum Probesprechen eingeladen ist. Erzähler wird Felix Kramer wieder selbst sein.

Und auch die Geräuschkulisse ist für die Wirkung eines Filmes unerlässlich. Ob Pferdegetrappel, ein einfaches Pfeifen oder beschwingte Musik: Hier greift Felix Kramer auf gemeinfreie Soundpools zurück, macht aber auch in diesem Bereich vieles selbst. Für Instrumente geht es ans Keyboard; wird ein wischendes Geräusch gebraucht, fegt er selbst die Hand über den Tisch.

Er resümiert: „Es ist sehr spannend, die vielen verschiedenen Ebenen zu füllen. Vor allem ist es intellektuell interessant, sich in immer neue Themengebiete hineinzufuchsen. Ich fühle mich wirklich privilegiert, dass ich mittlerweile mit dem Trickfilmmachen Geld verdienen kann“, sagt Felix Kramer. Auch mit der MHK hat er nach dem Landesmuseum vielleicht schon wieder ein neues Projekt. Seine wachsende Fangemeinde kann sich freuen. Nächstes Jahr ist Herkulesgeburtstag.

Sobald der Film zum Hessischen Landesmuseum fertig ist, wird er auf unserem Blog, der Homepage der MHK und der Facebook-Seite https://www.facebook.com/MuseumslandschaftHessenKassel zu sehen sein.

Autorin: Elisa Schubert

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