Vorsicht zerbrechlich…

Langsam finden alle Objekte ihren Platz in den neuen Ausstellungsräumen des Hessischen Landesmuseums – von großen schweren Skulpturen, die nur mit entsprechendem Equipment und viel Manpower an ihren Platz gebracht werden können, bis hin zu fragilen Kunstwerken, die oft gerade einmal handtellergroß sind.

Zu letzteren zählt ein besonderes Meisterwerk der Steinschneidekunst: ein Bergkristallpokal des Mailänder Meisters Annibale Fontana.

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Der kleine Bergkristallpokal gehört zu den beeindruckenden Arbeiten hochspezialisierter Mailänder Werkstätten, deren  Meister im 16. Jahrhundert führend in der Kunst der Steinschneidekunst und berühmt für ihre Arbeiten in Bergkristall waren. Die kostbaren Kostbarkeiten waren an den europäischen Fürstenhöfen begehrte Sammlerstücke und erzielten Spitzenpreise, die den Wert von Gemälden Tizians oder Rembrandts übertreffen konnten. Es waren der Wert des Materials und die Reinheit des äußerst kostbaren Steins, die im Zusammenspiel mit der anspruchsvollen handwerklichen und künstlerischen Verarbeitung die Erlesenheit eines solchen Kunstwerks bestimmten.

So arbeitete Annibale Fontana (1540–1587) den nur achtzehn Zentimeter hohen Deckelpokal im kunstvollen Hoch- und Tiefschnitt aus einem einzigen Stück besonders klaren Bergkristalls.  Auf der glatten Fläche des Kelches bewegen sich im antikisierenden Triumphzug bewaffnete und gerüstete Krieger einer kuppelgekrönten Kirche entgegen. Über ihnen schweben geflügelte Figuren, die in Ihren Händen Kreuzesfahne, Lorbeerzweig, Posaune, Schild, Schwert und Kronen als Zeichen des Sieges und des Ruhmes  halten.

Die Landschaft, durch die sich der Zug bewegt, schildert Fontana knapp aber detailreich, und selbst die faltige Haut des Elefanten und das Muskelspiel des auf ihm reitenden nackten Jünglings – beide zusammen erreichen gerade einmal die Höhe eines Streichholzes – arbeitete Fontana in allen Einzelheiten in den Stein.

Sammlung Angewandte Kunst

Die dargestellte Kirche steht für die Kirche an sich, für die „Eccesia Catholica“, so dass das antike Motiv des Triumphzuges als Versinnbildlichung der ruhmvollen Verteidigung des (katholischen) Glaubens interpretiert werden kann. Bildtradition und das dargestellte Thema des Bergkristallpokals scheinen für die Sammlung der protestantischen Herrscher von Hessen-Kassel daher auf den ersten Blick vielleicht ungewöhnlich. Doch fand der Pokal als hochgeschätzte Kostbarkeit und herausragendes Beispiel der Steinschneidekunst auch Einzug in die landgräfliche Kunstkammer.

Nun steht der Bergkristallpokal sicher in seiner Vitrine im Hessischen Landesmuseum. Bereit, den Besuchern noch mehr von seiner Geschichte preiszugeben.

 

Autorin: Stefanie Cossalter-Dallmann

 

 

 

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