Johannes Boehlau (1861–1941)

Als der junge Archäologe aus dem Schuldienst […] an das Museum Fridericianum berufen wurde, hatte die ringsumgrünte Stadt noch das freundlich würdige Antlitz der kurfürstlichen Residenz. […]. Viel zu tun gab es nicht; die Arbeit wurde morgends, kaum begonnen, mit ausgedehntem Frühschoppen im fröhlichen Kreis wieder beschlossen. […].Tage und Wochen streifte er draußen durch das Hessenland, um mit dem Spaten die heimische Vorgeschichte zu erhellen. Stille Stunden waren der Numismatik vorbehalten, in der ein Kreis trefflicher Privatsammler anregenden Gedankenaustausch pflegte.

Johannes Boehlau um 1891.

Johannes Boehlau um 1891.

Angesichts dieser idyllischen Schilderung des Arbeitsalltages von Johannes Boehlau – ab 1891 Direktorialassistent am Königlichen Museum Fridericianum in Kassel – werden sich heutige Museumsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter sicher verwundert die Augen reiben. Sie stammt aus einem von Karl Luthmer verfassten Nachruf aus dem Jahr 1941 – dem Todesjahr Boehlaus. Doch bezieht sich Luthmer mit der zitierten Passage auch nur auf Boehlaus erstes Jahrzehnt in Kassel, denn ab dem Jahr 1898 begann dieser mit der Planung des Hessischen Landesmuseums: ein Projekt, das ihn bis zur Eröffnung des Neubaus am 23. August 1913 schwer in Anspruch nehmen sollte.

Johannes Boehlau – geboren am 30. September 1861 in Halle (Saale) – trat seine Stelle in Kassel nach einer zweijährigen Tätigkeit als Gymnasiallehrer an. Studiert hatte er klassische Archäologie und Altphilologie in Rostock, Bonn und Würzburg. Promoviert wurde er im Jahr 1884 in Rostock. Nach Forschungsaufenthalten in Griechenland und Kleinasien kam er im Jahr 1891 nach Kassel, wo er zunächst für das Fridericianum zuständig war. Er war unzufrieden mit den unzureichend belichteten und knapp bemessenen Räumen des traditionsreichen Hauses und vermisste ein Museum, das sich ganz der Kunst- und Kulturgeschichte Hessens widmete.

Familie Boehlau um 1908.

Familie Boehlau um 1908.

Vor diesem Hintergrund entstand das Projekt Hessisches Landesmuseum. Ab dem Jahr 1898 brachte Boehlau es nach und nach voran. Es galt, das Konzept zu entwerfen und die Sammlungsbestände für die neue Dauerausstellung zu erweitern. Verhandlungen mit staatlichen und privaten Geld- und Leihgebern waren zu führen, und die Kasseler Bürgerschaft musste für das neue Museumsgebäude gewonnen werden. Das Baugrundstück am damaligen Wilhelmshöher Platz – heute Brüder-Grimm-Platz – stellte die Stadt Kassel zur Verfügung. Der Auftrag für den Entwurf und die künstlerische Leitung des Baus gingen an den renommierten Architekten Theodor Fischer.

Im Herbst 1910 konnten die Bauarbeiten dann beginnen. Die vorangegangenen Jahre der Vorbereitung müssen Boehlau – inzwischen Museumsdirektor – viel abverlangt haben. So schrieb er im Jahr 1909 an seinen ehemaligen Vorgesetzten und Freund Oskar Eisenmann, er sehne sich nach ruhiger Arbeit produktiver Art, denn in den 5 Jahren des Kampfes um das Museum ist mir nur eine unendliche Öde und Leere geblieben, – und überreizte Nerven dazu. In den Jahren 1910 und 1911, als der Bau bereits im Gange war, musste er sich eine längere Auszeit nehmen.

Das Ehepaar Boehlau um 1910/1915.

Das Ehepaar Boehlau um 1910/1915.

Am 23. August 1913 wurde das Hessische Landesmuseum dann feierlich eröffnet und das Projekt glücklich zum Abschluss gebracht. In den folgenden Jahren brachte Boehlau seine Sammlungen durch die schwierige Zeit des 1. Weltkrieges und die sich anschließende Inflation. Im Jahr 1924 wurde er Direktor der „Staatlichen Kunstsammlungen Kassel“ – einem Zusammenschluss der Gemäldegalerie in Kassel, des Naturkundemuseums und des Hessischen Landesmuseums.

Seinen Ruhestand ab 1928 verbrachte Boehlau mit archäologischen Forschungen. Er starb kurz vor Vollendung seines 80. Lebensjahres am 24. September 1941 in Göttingen.

Johannes Boehlau (links) und General Major Eisentraut (rechts) im Jahr 1903 bei archäologischen Ausgrabungen bei Melsungen.

Johannes Boehlau (links) und General Major Eisentraut (rechts) im Jahr 1903 bei archäologischen Ausgrabungen bei Melsungen.

 

Literatur:
Johannes Boehlau, Nachruf von Prof. Dr. K. Luthmer, Eigendruck der Saatlichen Kunstsammlungen, Kassel 1941.
Astrid Schlegel, Micha Röhring, Frank Pütz: 100 Jahre Hessisches Landesmuseum Kassel. Ein Bau von Theodor Fischer, Petersberg 2013, bes. S. 11-14.

Autor: Dr. Andreas Sattler

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