Architektur

Planungs- und Baugeschichte
Am 23. August 1913 wurde das neu errichtete Hessische Landesmuseum in Kassel feierlich eröffnet. Vorausgegangen war eine sich über 15 Jahre erstreckende Vorbereitungs-, Planungs- und Bauzeit, wobei der seit 1891 als Museumsdirektor amtierende Johannes Boehlau die treibende Kraft bildete. Für die Planung des Neubaus konnte er Theodor Fischer gewinnen, einen der bedeutendsten deutschen Architekten und Stadtplaner des frühen 20. Jahrhunderts. Die Pläne für das Museumsgebäude wurden von Fischer und Boehlau gemeinsam in enger Abstimmung entwickelt. Das Ergebnis war einer der wichtigsten deutschen Museumsbauten am Beginn der Moderne und eines der Hauptwerke des Architekten Fischer. Auch schon die zeitgenössische Presse war von dem neuen Museum beeindruckt und sah darin den „Typus eines modernen Museums“ verwirklicht (Casseler Tageblatt und Anzeiger, 23. 8. 1913) sowie „einen Bau von neuer und vorbildlicher Art“ (Frankfurter Zeitung, 26. 8. 1913).

Vorgeschichte
Als Boehlau sein Amt antrat, waren die ehemals landgräflich und später kurfürstlich hessischen Sammlungen im seit 1866 preußischen Kassel in einem vernachlässigten Zustand. Das betraf auch ihre Unterbringung. Zwar war ein Bau für die Gemäldegalerie 1871–1874 neu errichtet worden – die heutige Neue Galerie – seither hatte sich jedoch nichts Nennenswertes mehr getan und die übrigen Sammlungsbestände waren mehr schlecht als recht im Fridericianum und im Ottoneum untergebracht. Vor diesem Hintergrund war die Errichtung eines neuen Museumsgebäudes nicht nur naheliegend, sondern letztlich notwendig. Die Finanzierung eines solchen Bauprojekts erwies sich naturgemäß als schwierig. Erst als sich 1903 die Möglichkeit ergab, das Fridericianum an den Bezirksverband für die Unterbringung der Landesbibliothek zu verkaufen, und die Stadt Kassel zusicherte, das Baugrundstück am Wilhelmshöher Platz kostenlos zur Verfügung zu stellen, war der Neubau endgültig gesichert. Einen wesentlichen Teil zur Finanzierung trug darüber hinaus der Kasseler Kaufmann Sigmund Aschrott bei.

Entwurf vom November 1909: kolorierte Ansicht der Seitenfassaden

Entwurf vom November 1909: kolorierte Ansicht der Seitenfassaden

Planungen
1906 wurde Theodor Fischer, der zu dieser Zeit Professor an der Technischen Hochschule in Stuttgart war, von Boehlau um erste Entwürfe gebeten. Beide kannten sich bereits seit Längerem und waren sogar miteinander verwandt: Fischers Cousine war die Frau von Johannes Boehlau. Die Skizzen, die Fischer bis zum Herbst des Jahres anfertigte, enthielten schon viele Elemente, die später auch an dem ausgeführten Bau vorhanden waren, so die zentrale Raumachse aus mehreren Hallen und dem Haupttreppenhaus oder den Hörsaal, der dem pädagogisch ausgebildeten Boehlau besonders wichtig war.
Mit dem Vorentwurf wollte sich die Stadt Kassel jedoch nicht zufrieden geben und verlangte die Auslobung eines Wettbewerbs. Hieraus ging im Sommer 1907 allerdings doch wieder Theodor Fischer als Sieger hervor. Inzwischen hatte Boehlau ein detailliertes Raumprogramm für das Museum ausgearbeitet. Dabei stellte er fest, dass das geplante Gebäude zu klein werden würde. Zwar hatte Fischer von Anfang an Erweiterungsmöglichkeiten vorgesehen, Boehlau konnte sich jedoch mit der Ansicht durchsetzen, dass es besser sei, die Raumfläche nicht leichtfertig zu beschränken, sondern gleich hinreichend großzügig zu planen. Daraufhin fertigte Fischer bis zu Herbst 1908 neue Pläne an, die fast völlig dem ausgeführten Gebäude entsprachen. Bis zum Baubeginn im Herbst 1910 wurde zwar noch weiter geplant, dabei wurden aber nur noch wenige Details geändert.

Entwurfsprozess des Hauptturms: Mittelrisalit des Wettbewerbsentwurfs, Juni/Juli 1907 – oktogonaler Hauptturm des zweiten Projekts, Januar 1909 – Zwischenstand, November 1909 – realisierte Endfassung, März 1912.

Entwurfsprozess des Hauptturms: Mittelrisalit des Wettbewerbsentwurfs, Juni/Juli 1907 – oktogonaler Hauptturm des zweiten Projekts, Januar 1909 – Zwischenstand, November 1909 – realisierte Endfassung, März 1912.

Museumsturm
Wesentliche Veränderungen betrafen in der Folgezeit vor allem den Turm, der die Hauptfassade des Gebäudes bestimmt und der zudem auch eine wichtige städtebauliche Dominante darstellt, indem er den südlichen Abschluss der Königsstraße bildet. In seinen ersten Entwürfen hatte Fischer einen von zwei kleinen Rundtürmen flankierten Risalitbau vorgesehen, der bereits eine turmartige Anmutung hatte. Daraus war im Wettbewerbsentwurf zunächst ein etwas niedrigerer dreiseitiger Risalit geworden, aus dem sich dann erst wieder der – im Grundriss nun oktogonale – Turm entwickelte. Nachdem die Stadt Kassel sich gegen die Anbringung eines Glockenspiels als Turmabschluss ausgesprochen hatte, änderte Fischer die Gestaltung des Turms noch im Frühjahr 1912 ein letztes Mal, als das Gebäude im Rohbau längst fertiggestellt war.

Baustelle gegen Jahresende 1911

Baustelle gegen Jahresende 1911

Innenausbau
In den Jahren 1912 und 1913 erfolgte schließlich der Innenausbau, zu dem einige weitere Künstler herausragende Beiträge lieferten: Dem Architekten und Kunsthistoriker Julius Wolfgang Berrer, der bei Boehlau als Assistent beschäftigt war, oblag die gesamte Ausstellungsplanung einschließlich des Entwurfs von Vitrinen und Ausstellungsschränken. Der Heraldiker Otto Hupp entwarf für den Ehrensaal des Hauses einen Fries mit den Wappen der althessischen Ritterschaft und übernahm auch selbst die malerische Ausführung. Der Architekt und Kunstgewerbler Viktor Lurje von den Wiener Werkstätten schuf in einer von ihm selbst entwickelten Technik die Stuckdekoration im Durchgang zum Antikensaal. Von dem Bildhauer Christof Nüßlein wurden die Reliefs am Haupteingang und am Hörsaaleingang angefertigt. Nüßlein hatte zuvor schon die Marmorskulpturen der Kasseler Antikensammlung restauriert, die dann im Landesmuseum Aufstellung fanden. Schließlich zu nennen sind der Architekt Hans Kostka, ein Schüler Bruno Pauls, der das Mobiliar für Boehlaus Direktorzimmer entwarf, sowie der Bildhauer Fritz Klimsch, dessen Skulpturen „Ruhendes Mädchen“ und „Ruhender Jüngling“ Boehlau bei der Ausstellung der Berliner Secession 1909 so gut gefielen, dass er sie für die Aufstellung im neuen Landesmuseum erwarb.

Autor: Frank Pütz

Literaturhinweise
Wolfgang Beeh, Ulrich Schmidt (Hg.): 75 Jahre Hessisches Landesmuseum Kassel 1913–1988. (Kunst in Hessen und am Mittelrhein, 28) Darmstadt 1988.

Winfried Nerdinger: Theodor Fischer. Architekt und Städtebauer 1862–1938. (Ausstellungskataloge der Architektursammlung der Technischen Universität München und des Münchner Stadtmuseums, 7) Berlin 1988, S. 76–78, S. 244–246.

Astrid Schlegel, Micha Röhring, Frank Pütz: 100 Jahre Hessisches Landesmuseum Kassel. Ein Bau von Theodor Fischer. (Kataloge der Museumslandschaft Hessen Kassel, 54) Petersberg 2013.

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