Wohin mit all dem Stroh?

Wer derzeit über Land fährt, erfreut sich an weiten, goldgelben Kornfeldern. Teils wird schon geerntet, und große gerollte Strohballen liegen auf den Fluren. Verwendet wird das Stroh heute vorwiegend in der Landwirtschaft. Doch im frühen 18. Jahrhundert lieferte es das Ausgangsmaterial für virtuose Kunstwerke, wie sie sich noch heute in der Sammlung Angewandte Kunst erhalten haben. Ein Brettspielkasten, zwei Würfelbecher, zahlreiche Spielkarten, Spielmarken und selbst Würfel – sie alle besitzen Oberflächen aus raffiniert zusammengesetzten und eingefärbten Strohhalmen! Im neuen Hessischen Landesmuseum in Kassel werden diese Raritäten erstmals wieder ausgestellt werden.

Carl Hinrich Hering, Spiele mit Strohauflagen, Braubach am Rhein, 1724.

Carl Hinrich Hering, Spiele mit Strohauflagen, Braubach am Rhein, 1724.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ein Landgraf gräbt aus – Frühe Feldforschung auf der Mader Heide

Landgraf Carl auf einem zeitgenössischen Portrait. Künstler: wohl Hermann Hendrik II de Quiter (tätig 1700 bis 1731).

Landgraf Carl auf einem zeitgenössischen Portrait. Künstler: wohl Hermann Hendrik II de Quiter (tätig 1700 bis 1731).

Als vor einigen Jahren unserem durchlauchtigsten und großmächtigsten Landgrafen von Hessen, unserem allergnädigsten Fürsten und Landesvater, von gewissen Leuten die Nachricht zu Ohren gekommen war, daß nicht weit von der goldführenden Eder auf einer unfruchtbaren Feldlage, die die Anwohner des benachbarten Dorfes Maden die Maderheyde nennen, viele aus Rasenstücken errichtete Grabhügel zu sehen wären, ließ er diese bei seiner einmaligen Vorliebe für heimatliche Altertümer in seiner Gegenwart öffnen, um zu sehen, ob vielleicht unter ihnen alte Denkmäler verborgen wären.

So die einleitenden Worte des Marburger Universitätsprofessors Johann Hermann Schmincke in einer Abhandlung aus dem Jahr 1714. Schmincke berichtet darin über die Bergung vorgeschichtlicher Funde durch Landgraf Carl (Regierungszeit von 1670 bis 1730) auf der Mader Heide bei Gudensberg. Der Landgraf – bekannt für seine Vorliebe für Wissenschaft und Kunst – war offenbar auch an archäologischen Funden interessiert. Dabei boten ihm die Grabhügel der Mader Heide sicher ein leicht erkennbares und vielversprechendes Ziel.

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Die evangelische Marburger Tracht – modischer Look in Oberhessen

Kann eine Tracht als traditionelle ländliche Kleidung auch modern sein? Die evangelische Marburger Tracht kann! Entstanden ist sie vermutlich bereits im 18. Jahrhundert im Ebsdorfer Grund im heutigen Kreis Marburg-Biedenkopf. Sie breitete sich im Laufe der Zeit immer weiter aus und verlor dabei nie an Aktualität. Warum? Die Kunst war es, sich immer auch an der städtischen Mode zu orientieren. Aufgrund ihrer Beliebtheit verdrängte sie dabei andere, weniger auffällige Trachten wie die bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch im alten Kreis Marburg verbreitete sogenannte schwarze Tracht des Hinterlandes.

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Verschlusssache – Nadeln aus der Bronzezeit

Ob zum Nähen, Stricken, Häkeln oder Heften – Nadeln bringen wir heute gewöhnlich mit Textilarbeiten in Zusammenhang. In der Archäologie steht der Begriff „Nadel“ dagegen meist für Gegenstände zum Verschließen von Kleidern oder zum Befestigen von Hauben oder Haaren – Aufgaben, die heute in der Regel Reißverschlüsse, Knöpfe, Haargummis oder Haarspangen übernehmen. Vor allem in der Bronzezeit (2200 bis 800 v. Chr.) sind solche Schmucknadeln in großer Zahl und Formenvielfalt belegt.

Brillennadel von Haina, Kreis Waldeck-Frankenberg.

Brillennadel von Haina, Kreis Waldeck-Frankenberg.

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Dem Blaufärber über die Schulter geschaut

Wer kennt heute noch Löffelschnitzer, Kötzenmacher und Gelbgießer? Und was hat eigentlich ein Blaufärber genau gemacht? Eine Reise in vergangene Arbeitswelten alter Handwerke bietet die neue Dauerausstellung des Hessischen Landesmuseums. Berufe, die bis ins 19. Jahrhundert in vielen Werkstätten Nordhessens ausgeübt wurden, sind nicht nur ein Teil unserer regionalen Geschichte, sie lassen uns auch verstehen, wie abgekoppelt wir heute vom Entstehen vieler unserer Gebrauchsgegenstände sind. Blicken wir einmal in eine Blaufärberwerkstatt von damals.

vk92692-aus Privatbesitz-Rock, Schuerze uGuertelband

Schwälmer Tracht eines jungen Mädchens.
Der Stoff von Rock und Schürze
wurde in Handarbeit blau und schwarz gefärbt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ausgrabung mit Folgen – das Gräberfeld von Lembach

„Das Aufdecken eines Grabes ist hier sehr leicht.“ Diese Aussage findet sich in einem 1873 aufgesetzten Brief des Gutsbesitzers Deichmann aus dem kleinen Ort Lembach nahe Borken im Schwalm-Eder-Kreis. Der Brief richtete sich an den damaligen Direktor des Museums Fridericianum in Kassel, Eduard Pinder (1836-1890). Deichmann hatte großflächige Rodungen eines Waldgebietes vornehmen lassen, um neues Ackerland zu gewinnen. Dabei waren ihm zahlreiche Grabhügel eines ausgedehnten vorgeschichtlichen Gräberfeldes aufgefallen. Weiterlesen

In Form geschlagen – von frühen Steingeräten

Gerätschaften aus zurechtgeschlagenem Stein sind die ältesten Werkzeuge des Menschen. Sie bestehen meist aus Feuerstein oder anderem glasartig brechendem Material, und tauchen erstmals vor mehr als 2 Millionen Jahren in Afrika auf. In unserem Raum datieren die ältesten Steingeräte gesichert in die Zeit des homo heidelbergensis vor spätestens 300.000 Jahren. Der moderne Mensch – homo sapiens – war damals noch längst nicht in Mitteleuropa erschienen, noch nicht einmal der Neandertaler …

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Groß und haarig: Riesen der Eiszeit

In Gönnersdorf im Rheinland ritzte ein eiszeitlicher Künstler vor etwa 15 500 Jahren diese Zeichnung eines Mammuts in eine Schieferplatte.

In Gönnersdorf im Rheinland ritzte ein eiszeitlicher Künstler vor etwa 15 500 Jahren diese Zeichnung eines Mammuts in eine Schieferplatte.

Es ist Winter! Genau die richtige Jahreszeit, um ein wenig über das Eiszeittier schlechthin nachzudenken: das Wollhaarmammut. Noch vor 14 000 Jahren zog dieses beeindruckende Tier auch durch die eiszeitliche Landschaft Nordhessens. Und obwohl das Mammut mit dem Ende der letzten Eiszeit ausgestorben ist, haben wir alle eine recht genaue Vorstellung von ihm: elefantenartig und etwa ebenso groß, mit dichtem, zotteligem Fell und gewaltigen, gebogenen Stoßzähnen. Die Erforschung fossiler Mammutknochen und vor allem einiger im ewigen Eis Sibiriens tiefgefrorener Mammutkadaver machen diese detaillierten Angaben zum Aussehen der beeindruckenden Tiere möglich. Außerdem gibt es steinzeitliche Mammutdarstellungen auf Höhlenwänden. Weiterlesen

Die „Schwälmer Stube“ und die Sehnsucht nach der Volkskultur

Bereits das im Jahr 1913 eröffnete Hessische Landesmuseum präsentierte in der neu entstandenen volkskundlichen Abteilung auch eine sog. „Schwälmer Stube“. Dabei handelte es sich um eine Wohnstube und ein Schlafzimmer, dessen Möbel und weitere Ausstattungsgegenstände der Marburger Amtsgerichtssekretär Emil Wessel im Auftrag des Museums zusammengetragen hatte – eine ganze Bandbreite von typischem Gebrauchsgerät eines Schwälmer Haushaltes, zum Teil in mehrfacher Ausführung. Insgesamt waren etwa 170 Objekte in den beiden Stuben verteilt: Teller, Kannen und Krüge aus Irdenware, Zinnteller, mehrere Lampen, 2 Schwälmer Brautstühle, 4 Bauernstühle, 2 Tische, Eckbank, Eckschränkchen, Standuhr, Butterschrank im Schlafzimmer, Schüsselbretter, Tassenkorb, Kaffeeschlitten, Mausefalle, ein prächtiger Ofen (der nicht aus der Schwalm stammt), Tintenzeug, Nähkästchen, Löffelkörbchen, alles hübsch verziert, Bett, Wiege, Bibel, Pfeife an der Wand und Bildschmuck, Blechdöschen mit Nähutensilien, Brautkorb sowie Trachtenteile.

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„Wo ist das Rezept geblieben von den Plätzchen, die wir lieben?“

Reese-Rezeptheft aus den 1950er-/1960er-Jahren

Reese-Rezeptheft aus den 1950er-/1960er-Jahren

Diese Textzeile ist dem bekannten Lied von Rolf Zuckowski „In der Weihnachtsbäckerei“ entnommen. Obwohl Lebkuchen, Dominosteine und Spekulatius bereits ab Ende August in den Supermärkten zu kaufen sind, kommt die richtige Lust auf weihnachtliches Naschwerk doch erst mit den passenden, kühlen Temperaturen auf. Und wie jedes Jahr steht man vor der Qual der Wahl: das Angebot in den Geschäften ist riesig. Dann doch lieber selber backen! Dafür werfen wir heute einen Blick in Rezepthefte aus den 1950er-/1960er-Jahren. Weiterlesen